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  • AutorenbildSamarraLeFay

Maystera Teil 1

Das Klingeln der Glocke über der Eingangstür war ein untrügerisches Zeichen, dass jemand seinen Laden betreten hatte. Eilig schob Laurent die Papiere zur Seite und eilte zu seinem Kunden. Er zupfte sich seine Ohrspitzen zurecht, die unter dem Gewicht der Brille und seines Haushuts abgeknickt waren. Was würde er für einen Elf abgeben, mit solchen Ohren?

Bevor er seinen Kunden überhaupt sehen konnte, rief er: „Guten Tag. Laurent mein Name. Hier finden Sie alles, was Ihr Herz begehrt und von dem Sie noch gar nicht wussten, dass Sie es benötigen.“

Um die Ecke schlitternd kam er hinter seinem Tresen zu stehen. Eine Frau, gekleidet in einer bodenlangen, roten Robe, stand vor einer seiner Regale und studierte die Auslage. Obwohl sie äußerst zierlich war, schien ihre Präsenz den ganzen Raum zu füllen. Das Fellknäuel auf ihren Schultern war kein modisches Accessoire, sondern eine lebendige Sphinxkatze. Die Flügel eng am Körper angelegt, die Ohren wachsam aufgestellt, schaute sie sich in seinem Laden um. Laurent kribbelte es beim Anblick dieser Katzen in den Fingern. Er wusste nur zu gut, wie viel so ein Vieh in gewissen Kreisen einbringen würde.

„Oh, Nijana.“ Schnell setzte er sein galantes Lächeln auf und verdrängte seine unlauteren Gedanken. Man konnte sich nie sicher sein, ob Magier die Kunst des Gedankenlesens beherrschten. „Wie kann ich dir heute dienen? Wir haben einen wundervollen Satz Tarotkarten bekommen. Was machen die magischen Künste?“

„Laurent, ich bin hier, um meine Tinte abzuholen.“

„Deine Tinte?“, hauchte Laurent.

„Ja, ich brauche sie dringend. Du hast sie mir für heute versprochen und ich hab dir bereits die Hälfte bezahlt.“

„Ich erinnere mich“, nuschelte Laurent. Besagte Hälfte wog schwer auf seinem Konto, noch schwerer wog der Betrag, für den er die Tinte tatsächlich verkauft hatte.

„Also, hast du die Tinte besorgt?“

„Ja natürlich.“ Laurent nickte eifrig.

„Aber …?“, fragte Nijana lauernd. Ihre Katze setzte sich auf, ihr Blick starr auf das Glas mit Glühwürmchen im Regal gerichtet. Ihr Schwanz zuckte.

Laurent schaute betreten zu Boden. „Aber die Sache ist die ...“

„Die Sache ist wie? Du hast doch erst gestern bestätigt, dass du die Tinte erhalten hast.“

„Ja, das habe ich.“

Nijana zog eine Augenbraue in die Höhe und starrte ihn herausfordernd an. Laurent schaute verlegen zur Seite.

„Gestohlen!“, platzte es aus Laurent heraus.

„Ah, gestohlen, na das wird kein Problem sein.“ Nijanas Schultern entspannten sich. „Ich muss nur einen Zauber sprechen und der Dieb wird meine Ware zurückbringen.“

Die Katze der Magierin sprang in die Luft und flog einen weiten Kreis.

„Sagte ich gestohlen?“ Laurents Stimme überschlug sich. „Ich meinte verlegt.“ Er kramte in seinen Unterlagen.

„Soso, verlegt.“ Nijana presste die Lippen zusammen.

Lautlos landete die Katze im Regal neben dem Glas mit Glühwürmchen.

„Maystera, benimm dich bitte“, tadelte Nijana die Katze. „Entschuldige, Laurent. Macht es dir etwas aus wenn Maystera deinen Laden erkundet?“

Laurent schreckte hoch. „Was ... ehm, nein, natürlich nicht“, stotterte er.

„Danke. Zurück zur Tinte.“

„Ja ... ich gehe nach hinten und suche sie.“

„Mach das. Wenn ich helfen soll ...“

Ein Klirren ließ die beiden zusammenzucken.

„Maystera!“, zischte die Magierin.

Ein Glühwürmchen flog Laurent um die Ohren. Vergebens schnappte er danach.

„Entschuldige, Maystera ist in letzter Zeit unruhig.“

„Das macht doch nichts.“ In Gedanken zog Laurent drei Silber von seinem Vermögen ab.

Maystera zuckte mit den Schnurrhaaren und stolzierte durch das überfüllte Regal. Dabei warf sie ein Buch zu Boden. Staub wirbelte durch die Luft. Am Ende blieb sie stehen und schnupperte an einem runden Gefäß, das nach oben offen war. Sie setzte sich aufrecht hin und versuchte, mit ihren Tatzen das Innere zu ertasten.

„Diese Vase ...“ Laurent hechtete zum Regal. Im letzten Moment konnte er sie aus der Luft auffangen. Die Vase an seinen Körper gedrückt keuchte er: „ ... ist mindestens zehn Goldstücke wert.“

„Maystera, sei ein braves Mädchen“, tadelte die Magierin ihr Haustier.

Maystera quittierte die Worte mit einem zufriedenen Schnurren.

„Zurück zur Tinte.“

Laurent hörte Nijana kaum. Seine ganze Aufmerksamkeit war gefesselt vom Treiben der Katze. Diese hatte sich wieder in die Luft erhoben und sich auf dem Kronleuchter niedergelassen. Gefährlich schwang sie hin und her. Die Eisenbeschläge quietschten und Verputz rieselte von der Decke.

Nijana schaute Laurent auffordernd an.

Fortsetzung folgte….




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