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  • AutorenbildSamarraLeFay

Interview mit einem Blobb

Iris zupfte ihr Kleid zurecht. Nicht, dass ihr Interviewpartner später dies zu schätzen wüsste. Sie hatte hart für diese Gelegenheit gearbeitet, unzählige Anfragen geschrieben, Telefonate geführt und Klinken geputzt. Es musste ein Meisterwerk werden! Mit weniger würde sie sich nicht zufriedengeben.

Sie überprüfte das Übersetzungsgerät, welches vor ihr auf dem Tisch lag. Sie hatte zur Sicherheit ein zweites in der Tasche. Ohne einen funktionierenden Translator konnte sie das ganze Interview gleich abbrechen. Sie hatte an alles gedacht und sich zwei- und dreifach abgesichert. Geistesabwesend rückte sie ihren Stuhl zurecht. Das Blobbs sich nicht auf Stühle setzten können, hatte sie einen Teppich organisiert.

Die Tür zu ihrem Interviewzimmer schob sich mit einem zischenden Geräusch zur Seite und ein großer grüner Berg von Götterspeise schwabbelte ins Zimmer herein. Hinter ihm schloss sich die automatische Tür wieder.

Iris stand auf und nickte dem Hereinkommenden höflich zu. „Herr Blu, Danke das Sie sich für ein Interview zur Verfügung stellen.“

Herr! Sie hatte ihn mit Herr angesprochen! Wie konnte sie nur so dumm sein? Iris hätte sich auf die Zunge beißen können. Blobbs hatten kein Geschlecht! Sie hatte ihr Interview so lange vorbereitet. Jede Frage hundertmal durch gegangen, aber sie hatte sich nie überlegt, wie sie ihr Gegenüber ansprechen sollte.

Sie krallte sich am Saum ihres Blazers fest, um dem Blobb nicht aus Gewohnheit noch die Hand hinzustrecken. Das wäre der Gipfel gewesen. Einem Wesen ohne Arme und Händen, die Hand geben zu wollen.

„Blubb!“, machte der Blobb. Der Translator übersetzte das Gesagte direkt in ihren Ohrknopfl: „Hallo!“

Mit wackligen Knien setzte sich Iris dem Blobb gegenüber, so dass sie nun auf Augenhöhe waren. Alles andere als ein gelungener Start, aber ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Sie lächelte ihren Fauxpas weg. „Danke, dass Sie sich dem Interview stellen.“

„Nichts zu danken. Wir sind froh, dass wir in den Dialog treten können und unsere Sicht der Dinge darlegen können.“

Iris’ Mundwinkel zuckten. Ein Selbstmordkommando von Blobbs hatte einen großer Teil des Planeten Erde in die Luft gesprengt. Auf eine Rechtfertigung war sie gespannt. Aber alles zu seiner Zeit. Zuerst ein bisschen Smalltalk, damit er sich entspannte. „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“

„Danke, sie war ausgesprochen trocken!“

„Das freut mich zu hören.“ Iris schenkte ihm einer ihrer verführerischen Augenaufschlägen, die an Blu eine vollkommene Verschwendung war. „Als ich mich auf das Interview vorbereitete, wurde mir bewusst, wie wenig wir über Ihre Spezies wissen. Wir wissen praktisch nichts darüber, wie Ihre Art lebt. Das einzige was jedes Kind weiß, dass wenn sie mit Wasser in Berührung kommen, dehnen sie sich um ein vielfaches aus. Im schlimmsten Fall bis er explodiert. Stört es Euch, dass Ihr auf dieses eine Merkmal reduziert werdet?“

„Ja, ich finde es sehr schade. Wir Blobbs sind so viel mehr als nur diese eine Schwäche. Wir haben eine vielfältige Kultur. Wir lachen viel und tanzen gerne.“

„Ihr tanzt?“ Iris konnte sich nicht vorstellen, wie sich dieser unförmige Berg im Takt bewegt.

„Ja, wollen Sie es sehen?“

Iris lächelte breit und ließ Musik aus einer Box laufen. „Gerne.“

Der Berg Götterspeise fing rhythmisch an zu zittern. Anfangs nur dezent, aber je länger Iris wartete, desto deutlicher konnte Iris es erkennen.

Das Lied war zu Ende und der Blobb räusperte sich.

Iris hätte schwören können, dass die Situation Blu unangenehm war. „Ich muss gestehen, als Außenstehende hätte ich das nicht als tanzen erkennt“, brach Iris das Schweigen.

Blu schaute kurz zu Boden. „Ja, das Problem haben viele. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, ich bin ein miserabler Tänzer.“

„Umso dankbarer bin ich, sind Sie über Ihren Schatten gesprungen.“

„Gerne!“ Die Öffnung von Blu, einen wirklichen Mund besitzen Blobbs nicht, zog sich in die Breite.

Iris erwiderte das Lächeln. „So jetzt mal Tacheles. Warum haben sie den Planten Erde angegriffen.“

„Ich?“, japste Blu.

„Ich meine sie als Vertreter Ihrer Spezies.“

Blu seufzte. „Wenn ich nur wüsste warum einzelne Blobbs so fehlgeleitet waren.“

Iris wartete.

„Die Erde war seit jeher für uns ein Schreckgespenst. Als ich klein war, hieß es, wenn du dich nicht benimmst setzen wir dich auf der Erde aus. Ich meine ein Planet der zum großen Teil aus Wasser besteht und es in regelmäßigen Abständen vom Himmel fällt, ist, verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, nass!“ Blu zitterte.

Iris fragte sich, wie sie dieses Zittern vom Tanzen unterscheiden sollte. „Sie sagen also, dass ihr die Erde aus Angst vor dem Wasser angegriffen habt?“

„Nein, wir, die Blobbs als Gemeinschaft, haben gar nichts angegriffen. Wir wollen keinen Krieg.“

„Tatsache ist aber, dass Blobbs die Erde angegriffen haben. Das können Sie nicht leugnen.“

„Das stimmt leider. Aber die Angreifer, ein Pack aus extremistischen Blobbs, haben in Eigenregie gehandelt.“

„War nicht einer dieser Extremisten Mitglied eurer Regierungspartei.“

„Woher wissen Sie das?“

Iris glaubte, im Geblubber Empörung herrauszuhören. „Ist es nicht so?“

Blu schloss die Augen. „Leider muss ich dem zustimmen. Eine Schande für die ganze Blobbheit.“

„Sie wollen also sagen, ein Parteimitglied der Regierung der Blobbs hat den Planeten Erde angegriffen und beinahe vollständig zerstört, aber es sei kein politischer Akt gewesen, sondern ein Einzelfall? Ich meine, wer kennt es nicht, einfach mal so einen Planten zerstören? Und wie Sie sagten, Sie sind eigentlich froh, dass der Planet zerstört wurde, da sie ihn fürchteten.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich froh bin. Ich verbitte mir diese Unterstellung.“

„Sie haben gesagt, der Planet war seit jeher ein Schreckgespenst. Ich an Ihrer Stelle wäre froh wenn ein Schreckgespenst aus meiner Kindheit weg wäre.“

„Aber doch nicht um den Preis. Wieviele Erdbewohner hat dieser Unfall das Leben gekostet? Millionen, Milliarden?“

„Es war kein Unfall.“

„Stimmt. Sie haben natürlich recht. Entschuldigen Sie.“

„Sie finden es prinzipiell gut, dass die Erde zerstört ist, aber sie hätten sich gewünscht, dass die Bewohner worden wäre?“

Blu schwieg betreten.

Sie hatte ihn. Iris triumphierte. Dieses Interview war Gold wert. Alle würden sich darum reißen.

„Werden zukünftige Angriffe von sogenannten nicht regierungsbeauftragte angekündigt werden, damit sich die Bewohner immerhin in Sicherheit bringen können?“

„Das muss ich mir nicht bieten lassen!“ Blu drehte sich abrupt um und schwabbelte zur Tür.

„War das ein Nein? Müssen alle wasserhaltigen Planeten und Raumstationen nun zukünftig ein Blobb-Sicherheitssystem aufweisen?“

Blu blieb bei der Tür noch einmal stehen und drehte sich zu ihr um. „Blubbblobblubb.“

Er war zu weit weg, als der Translator seine Worte übersetzten konnte. Aber sie hatte genug auf Band.

Blobbs planen neue Angriffe!

Wie gefährlich sind die Blobbs?

Die mit dem Blobb tanzt!

Die Schlagzeilen schrieben sich von alleine.


Danke an Petra Baumann für diese wunderschöne Illustration. Mehr von Petra findest du unter www.petrabaumann.ch

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