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  • AutorenbildSamarraLeFay

Halbvoll

Triggerwarnung: Sollte es dir nicht gut gehen, überspringe diese Geschichte (Sucht und Depression)


Die Stille erdrückte ihn. Nein, „Erdrücken“ war das falsche Wort. Sie drückte ihn nieder und stahl ihm die Kraft zu atmen. Er hasste diese Stille. Sie bedeutete, dass er alleine war. Sie bedeutete, dass sie weg waren. Fort. Weg von ihm. Geflüchtet. Sie hatten ihn allein gelassen. Sie hatten ihn zurück gelassen und jetzt war die Stille nicht mehr zu überhören.

Wirklich alleine war er in der Stille nie. Er war da, als ständiger Begleiter. Er lauerte im Dunkeln auf ihn. Bereit jede Schwäche auszunutzen. Ihn zu packen und mit in den Abgrund zu ziehen. Wollte er sich dem Abgrund endgültig hingeben, brachte er ihn wieder zurück. Zurück ins Licht. Ließ ihn den süssen Geschmack der Hoffnung kosten. Nur um das ganze Spiel wieder von vorne zu beginnen. Abgrund - Licht - Abgrund, Abgrund - Licht - Abgrund…

Dieses Mal hatte er sich fest vorgenommen nie mehr auf seine Verlockungen zu hören. Das Flüstern, die haltlosen Verspechen zu ignorieren. Nie mehr zurück in den Abgrund gezogen zu werden. Doch er würde wohl nie mehr von seiner Seite weichen. Er würde warten und jeden Moment der Schwäche ausnutzen. Er selber konnte nicht gewinnen, nicht mehr, er konnte nur einen zeitweiligen Waffenstillstand aushandeln.

Er schaute sich im Wohnzimmer um. Sie waren weg. Endgültig! Ihre Kleider, die Spielsachen der Kleinen, ihr Geruch… Einzig ein paar Zeichnungen an den Wänden zeugten davon, dass nicht alles nur ein Traum gewesen war.

„Es waren ihre kleinen perfekten Finger, die diese Zeichnungen gemacht haben. Und jetzt ist sie weg. Wegen dir!“

Noch immer musste er den bitteren Hass herunterschlucken. Er wusste, es war besser für sie, dass sie weg waren, er hätte sie auch zerstört.

Seine Hand klammerte sich an das Glas. "Ein Schluck, und alles ist leichter!" Ein haltloses Versprechen! Eine Lüge auf die er immer wieder reingefallen war. Jetzt nicht mehr. Es musste sich was ändern.

Das Leben hatte ihn gebrochen. Immer wieder aufs Neue.

Wut, Angst, Liebe, Schmerz, Hoffnung, Selbstzweifel, Eifersucht und Leere. Wie konnte ein Mensch nur so viele widersprüchliche Gefühle gleichzeitig haben?

Das Flüstern wurde eindringlicher: "Nur einmal, du kannst danach wieder aufhören. Nur um den Kopf frei zu bekommen. Ein kalter Entzug ist nicht gut für dich. Nur einen Schluck, nicht die ganze Flasche.“

Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Dieser Geruch! Er brannte in der Nase und trieb ihm Tränen in die Augen. Er hasste ihn abgrundtief. Es war der Geruch seiner Mutter. Immer wenn sie ihm einen feuchten Kuss auf die Wange drücken wollte stank ihr Atem danach. Hatte seine Kleine das Gleiche empfunden wie er? Hatte er ihr ungewollt das Gleiche angetan? Er wollte sie doch vor all dem beschützen. Versagt, wie immer!

„Eins!“, zählte er und klammerte sich an der Tischkante fest. Die Knöchel traten weiss hervor. Wenn er die Zehn erreichte würde der Druck nachlassen.

„Zwei..“, er würde es schaffen. Schweiß sammelte sich auf der Stirn.

"Warum sich die Mühe machen?"

„Drei, bitte lass mich!"

"Mit mir ist alles einfacher."

„Vier“

Seine Hand griff nach dem Glas.

„Nur ein kleiner Schluck.“

„Fünf!“

„Zum Aufhören.“

„Sechs…“ Er hob das Glas an.

„Du zitterst. Ein Schluck und du hast dich wieder im Griff. Dann ist der Kopf klar.“

„Sieben.“

„Acht, neun, zehn und hops.“

Die Flüssigkeit brannte in seiner Kehle. Sie erfüllte seinen Körper mit Wärme. Seine Kopfhaut kribbelte, dann seine Finger, zum Schluss sein Rücken und seine Füße. Der Druck hinter seiner Stirn wurde schwächer. Die tausend Gefühle in seiner Brust wichen einem einzigem. Endlich konnte er wieder atmen.

„Sie ist Schuld. Sie hat mich alleine gelassen. Diese Fotze. Hure! Wie kann sie es wagen. Sie hat mein Leben versaut. Jetzt lebt sie bestimmt ein Leben in Saus und Braus und lässt mich hier alleine in diesem Loch hocken. Dazu hat sie noch meine Kleine mitgenommen. Wahrscheinlich hat sie sich mit Mutter abgesprochen. Es war alles ein Plan. Alle zusammen. Sie haben sich gegen mich verschworen. Die Kündigungen, die Schulden, die vergeblichen Versuche. Sie wollen mich zerstören. Ich hasse sie. Ich hasse sie alle!“

Er griff zum Glas, leerte den Rest in einem Zug und schenkte sich sogleich nach.

„Ich bin Schuld…“ Er wusste es. Er wusste es immer. Er war das Problem. „Warum bloss? Warum habe ich jemals damit angefangen. Warum bin ich so schwach? Warum kann ich nicht aufhören? Ich bin erbärmlich. Lächerlich. Kein Wunder sind sie weggegangen. Ich möchte auch weg! Weg von mir. Ich hasse mich!“

Die Flüssigkeit rinnt den Rachen hinunter. Die befreiende Wirkung ist längst vorbei. Es bleibt nur noch die Gefühle wegzuschwemmen.

„Sie sind perfekt. Sie war perfekt und hat mir die perfekte Tochter geschenkt. Ich liebe sie. Wie kann ich nur ohne sie leben? Wie soll das gehen? Mein Leben ohne sie ist so grau. Farblos. Trist! Mein Herz, es ist zerbrochen und bricht jede Stunde mehr. Wie kann es mehr brechen wenn es doch nur noch Staub ist? Wie kann es immer mehr schmerzen. Ich ertrag das nicht. Sie ist mein Leben. Das Beste was mir je passieren konnte. Ich würde alles für sie machen, warum konnte sie das nicht sehen?“

„Du konntest nicht aufhören zu trinken.“ Diese bösartige Stimme in seinem Hinterkopf. Er hasste sie.

Ein weiterer Schluck folgte dem nächsten und noch einer bis das Glas wieder leer war.

Tränen rannen ihm übers Gesicht. Er stand auf, der Stuhl kippte nach hinten. Die Welt schwankte gefährlich. Er hielt sich an der Flasche fest, torkelnd ging er zu Wand. Er schlug mit der Faust gegen die Wand. „Wie soll ich das nur schaffen?“ Ein weiterer Schlag. „Es tut so weh.“ Boom, noch ein Schlag. Sein Atem ging flach. Ein weiterer Schlag und endlich färbten sich die Knöchel rot. Blut! Schmerzen. Die guten Schmerzen. Mit diesen Schmerzen konnte er umgehen. Erleichtert sank er der Wand entlang zu Boden.

Er machte sich nicht mehr die Mühe und trank direkt aus der Flasche.

„Vielleicht kann ich es ja schaffen. Wenn ich einen Job finde, ein geregeltes Leben und einen Grund habe, höre ich auf zu trinken. Dann lass ich die Finger davon, für immer. Und mit dem Job und ohne Alkohol kommt sie sicher auch zu mir zurück. Dann bin ich seriös und verlässlich und….“

Ein weiterer Schluck.

„Wem mache ich was vor? Wer will mich schon? Ich bin nichts wert. Ich kann nichts. Ich bin nichts. Ich kann ja nicht mal etwas nicht machen. Nichts kaputr machen. Nicht trinken. Ich bin ein Nichts. Wertlos. Müll! Was will man schon mit mir?“

Der letzte Schluck der Flasche. War die nicht mal voll?

„Ich bin nicht mal fähig ein Leben zu leben. Für alle ist es so einfach. Einen Job haben. Glücklich sein. Freunde haben. Familie besuchen. Saubere Kleider… Die Wohnung aufräumen. Die Basics. All das? Warum können die Anderen das alles und ich nicht? Es ist nicht fair. Warum können die glücklich sein und ich nicht? Warum können die ein normales Leben leben und ich nicht? Warum? Was ist falsch mit mir? Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich es nicht wert? Wertlos. Eine Schande. Darum schauen alle auf mich herab. Die, in ihren sauberen Häusern und mit ihrem gut bezahlten Jobs. Die, die sich sowieso um nichts sorgen müssen. Ja genau die.“

Stark torkelnd ging er zum Vorratsschrank und öffnete eine weitere Flasche. Er setzte sie an und trank. Schluck um Schluck um Schluck.

Die Flasche war nur noch halb voll und zurück blieb nur Leere. So konnte er die Nacht überstehen. So konnte er leben, nur so.


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