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  • AutorenbildSamarraLeFay

Die Truhe

Aktualisiert: 19. Mai 2021

Die Idee für diese Geschichte stammt von Pinterest. Man findet eine Truhe mit 20 Geheimnissen von nahestehenden Menschen.

Ich danke E. und S. fürs Gegenlesen.


Lautlos streife ich durch das Haus meiner Grosseltern. In Gedanken gehe ich durch was noch alles zu tun ist. Trotz der Hitze draussen fröstelt es mich. Früher, als wir alle zusammen sassen, kam mir das Haus winzig vor. Wir sassen in der offenen Küche, redeten, spielten Karten und assen selbst gemachten Kuchen. Die Küche war kaum gross genug für Grossvater, Vater, Mutter, meinen Mann, unsere Kinder und mich. Daher stand Grossmutter meistens am Küchentresen und tat so, als ob sie was dringendes erledigen musste. Es sind kostbare Erinnerungen. Erinnerungen, die eigentlich in schweren Zeiten Kraft spenden. Aber jetzt? Jetzt lassen mich diese spüren, wie sehr ich sie vermisse. Wie sehr ich diese Treffen vermissen werden, die nie wieder so stattfinden können. Wie sehr ich meine Grosseltern vermisse.


Es ist nicht so, dass der Tod meiner Grosseltern überraschend kam. Mein Grossvater war bereits vor einigen Jahren gestorben. Und Grossmutter? Sie ist einfach so im Sitzen eingeschlafen und ich glaube mit 83 ist es an der Zeit, jemanden gehen zu lassen. Trotzdem wirkt das Haus riesig und kalt. Mutter konnte es nicht mehr betreten ohne hysterisch zu weinen. Darum hatten Josh und ich angeboten das Haus zu räumen, während Vater und Mutter auf die Kinder aufpassen. Ich bin schon früher los, da ich für mich selber Abschied nehmen wollte. Als ob ich nicht schon genug Abschied genommen hätte? Ich nahm Abschied gleich nach Grossmutters Tod, an der Beerdigung und überhaupt jedes Mal wenn ich an sie dachte. Irgendwann sollte es doch genug sein mit Abschied nehmen, oder nicht? Doch die traurige Gewissheit, dass das, was einmal war, nie wieder sein wird, begleitet mich jeden Tag.


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Ich steige in den oberen Stock und schaue in das Gästezimmer. Darin schliefen häufig unsere Kinder, wenn sie ihre Urgrosseltern für eine längere Zeit besuchen durften. In einem Bücherregal neben dem Etagenbett gab es abgegriffene Comics, Kinderbücher und zwei kleine Kisten mit bunten Legosteinen und Spielzeugautos. Vor allem Lisa liebte es in diesem Raum mit den Spielzeugautos zu spielen. Anton hingegen las lieber in den Büchern. Bei dieser Erinnerung überkommt mich wohlige Wärme und meine Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln. Ich öffne vorsichtig die Schlafzimmertür meiner Grosseltern, aber ich traue mich noch nicht hineinzugehen. Es ist nach wie vor ein Einbruch in die Privatsphäre meiner Grosseltern. Auch wenn sie tot sind leben sie in meinen Gedanken weiter. Ich sehe die Tür zum Estrich. Was befindet sich eigentlich im Estrich? War ich jemals dort oben? Ich öffne die knarrende Tür. Ich zögere einen kurzen Moment bevor ich die staubige hölzerne Treppe hinaufsteige. Die drückende Hitze unter dem Dach raubt mir meinen Atem. Ich hätte erwartet, dass im Estrich wie bei jedem normalen Menschen ganz viele Kisten mit nutzlosem Gerümpel und vielleicht sogar ein paar alte Möbel herumstehen. Aber meine Grossmutter war nicht so. Sogar der Estrich war ordentlich aufgeräumt und sauber. Meine Grossmutter kommt bestimmt alle paar Monate hier hinauf um zu putzen. Sobald ich diesen Gedanken fertig gedacht habe, kommt mir in den Sinn das meine Grossmutter nie mehr hier heraufkommen wird. Ich sehe mich weiter um. Links steht ein alter Diaprojektor und ich erinnere mich wie Grossvater uns früher Dias zeigte. Ein paar Jahre vor seinem Tod hatte er ein Computerprogramm entdeckt, mit dem er digitale Präsentationen erstellen konnte. Zur jeder Gelegenheit hatte er ab diesem Zeitpunkt digitale Dia-Shows zusammengestellt. Er hatte sich einen teuren Laptop gekauft und all seine Dias digitalisieren lassen. Ich öffne eine Schachtel mit Dias, nehme eine hinaus und halte diese gegen das Licht. Ich glaube mich als Kind zu erkennen, wie ich im Sandkasten spiele. Ich lege die Dias wieder zurück. Sollen wir diese behalten oder wegwerfen? Am Besten, ich überlasse diese Entscheidung Mama. Im Kopf notiere ich Dias und Projektor auf der Liste für meine Mutter. Ich schaue in einige weitere Kisten. Fotoalben, Kleider, aber ich finde nichts Besonderes. Ich will schon wieder die Treppe hinunter, da sehe ich in einer Ecke unter der Dachschräge einen dunklen Schatten. Ich gehe hin um das genauer anzusehen und sehe ganz hinten eine kleine Truhe, so gross wie ein Schuhkarton. Ich versuche sie von dort hervorzuziehen, aber ich komme auf den Knien nicht ran. Ich müsste mich wohl auf den Bauch legen? „Komm, so wichtig ist es nicht,“ versuche ich mich zu überzeugen. Ich wende mich ab und gehe zurück zur Tür. Ich stehe schon auf der obersten Stufe als mich die Neugier doch packt. Ich kehre wieder um, lege mich auf den Bauch und ziehe die Truhe hervor. Was werde ich finden? Vielleicht ist das Grossmutters geheime Rezeptsammlung? Sie beteuerte immer wieder, dass sie alle Rezepte im Kopf hätte. Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht. Stimmte, korrigiere ich mich innerlich. Die Truhe war unverschlossen. Vorsichtig öffne ich den Deckel und schaue hinein. In der Truhe befinden sich kleine Briefumschläge. Das Papier ist rau und vergilbt. Ich nehme den obersten Briefumschlag in die Hand. Auf dem Umschlag steht in feiner Schrift ein Name geschrieben:


Anne


Das ist der Name meiner Tante. Ich schaue weitere Umschläge an. Paul, Annes Mann. Herman und Susi, das waren Grossmutters Nachbaren. Von der Neugier gepackt öffne ich Annes Umschlag und lese ihn:


Als ich einmal betrunken nach Hause fuhr, habe ich einen Mann überfahren. Ich bin davongefahren und niemand hat das je herausgefunden. Aus der Zeitung weiss ich, dass der Mann tot ist.


Oh mein Gott! Stimmt das? Warum sollte Anne sowas aufschreiben? Was ist wenn sie das wirklich getan hat? Was soll ich damit anfangen? Soll ich zur Polizei gehen? Tausend Fragen rauschen gleichzeitig durch meinen Kopf. Ich weiss ja nicht einmal wie alt dieser Brief ist. Die Polizei lacht mich sicherlich aus, wenn ich mit diesem Brief auftauche. Ich weiss, dass Anne ein Problem mit Alkohol hat. Aber um ehrlich zu sein habe ich mir nie viel Gedanken um Anne gemacht. Ich mag Menschen die zu viel trinken nicht sonderlich, darum haben wir nicht viel Kontakt zu Anne. Ein Gefühl des Ekels überkommt mich. Ich glaube nicht, dass sie so egoistisch und herzlos sein kann. Sie könnte bestimmt nicht damit leben. Ich könnte es nicht. Obwohl ich nicht wirklich glaube, dass Anne einen Mann überfahren hat, nehme ich mir vor meine Kinder so weit wie möglich von Anne fern zu halten. Leicht zögernd öffne ich einen weiteren Umschlag:


Als meine Exfreundin schlussgemacht hat, habe ich ihr auf den Badezimmerteppich gepinkelt und bin danach gegangen.


Ich schaue auf den Umschlag und sehe, dass dieser Herman gehört hat. Was für ein Ferkel! Wie erbärmlich. Sowas macht kein echter Mann! Ich verziehe angewidert die Mundwinkel, dabei streift mein Blick den Name eines weiteren Umschlags:


Annabelle


Das ist meine Grossmutter. Was hat meine Grossmutter aufgeschrieben? Ein Stich der Furcht durchzuckt mich. Soll ich es lesen? Was ist, wenn sie etwas ähnlich Schlimmes gemacht hat wie Tante Anne? Eine innere Stimme sagt mir, dass ich es besser nicht lesen soll aber die Neugier ist stärker und ungeduldig öffne ich den dritten Umschlag:


Ich habe meinen Mann jahrelang mit meinem Nachbaren betrogen.


Das hat sie nicht! Ich lasse den Brief fallen und schlage die Hände vor den Mund. Eine grosse Enttäuschung überkommt mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Grossmutter ihren Mann betrogen hat.. Sie ist… Sie war immer so liebevoll zu Grossvater. Wie konnte sie nur so etwas machen? Wenn Grossvater das herausgefunden hätte, wäre er daran zugrunde gegangen. Wie hätte sie diesen Schmerz in Kauf nehmen können? Wie konnte sie so egoistisch sein? Wenn sie noch leben würde, würde ich…. Ja was würde ich? Ein Gefühlschaos tobt in mir. Schmerz, Trauer und Wut. Jetzt durchforste ich die Truhe gezielt nach Namen von Personen, die ich kenne und finde den Umschlag mit dem Namen meines Grossvaters:


Ich habe meine Frau ein Jahr lang von Weitem beobachtet bevor ich sie das erste Mal ansprach.


Ein Gefühl der Wärme durchströmt mich. Das konnte ich mir gut vorstellen. Grossvater war einer dieser ruhigen, zurückhaltenden aber sehr herzlichen Menschen. Ich bin erleichtert, dass mein Grossvater ein solch schönes Geheimnis hatte. Der nächste Umschlag ist von meinem Vater:


Ich habe die Katze nicht in einen neues Zuhause gebracht sondern im See ertränkt.


„Lily?“ Denke ich entsetzt. Papa hat Lily umgebracht. Warum? Mein fürsorglicher herzlicher Vater? Der Fels in der Brandung. Der, der mir beigebracht hat wie wichtig es ist ehrlich zu sein? Warum? Verzweifelt weine ich bittere Tränen. Es war schon mehr als 20 Jahre her. Ich war gerade mal zehn als mein Vater meinte dass er eine Katzenhaarallergie hätte und die Katze leider weg müsse. Aber wieso hat er sie im See ertränkt? Enttäuschung und Unverständnis brodelt in mir. Wie konnte er nur ein wehrloses Tier umbringen. Wenn ich ihn sehe dann… Ja was dann? Ich fühle mich betrogen um den Mann der eigentlich mein Vater sein sollte. Der mich beschützen sollte. Innert eines Augenblicks wurde er für mich zu einem Fremden. Mein Herz bricht mit jeden Gedanken ein Stück mehr.

Mit zitternden Händen halte ich den Brief meiner Mutter. Will ich wirklich wissen was darin steht? Bin ich stark genug dafür? Kann es überhaupt noch schlimmer kommen? Kann ich leben ohne zu wissen was darin steht? Kann ich leben wenn ich weiss was darin steht? Ich öffne den Umschlag:


Ich wollte nie ein Kind haben, und habe es immer bereut, eines bekommen zu haben.


Ich muss den Satz immer wieder lesen, und es schnürt mir die Luft ab. Aber erst als ich die Worte laut vorlese verstehe ich den Sinn dahinter. Ich ringe nach Luft. Ich weine lautlos vor mich hin während mein Körper vor und zurück schwankt. Es vergeht eine geraume Zeit bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Da ist sie! Die Bestätigung zu einem Gefühl, das immer da war, aber ich nie greifen konnte. Meine Mutter wollte mich nicht. Sie bereut es mich zu haben. Sie liebt mich nicht! Sie hat mich nie geliebt. Ich war immer nur ein Ärgernis für sie. Es zieht mir den Boden unter den Füssen weg und in mir bleibt nur gefühllose Schwärze zurück. Ich muss an meine eigenen Kinder denken. Sie sind das kostbarste überhaupt in meinem Leben. Meine Liebe für meine Kinder ist unendlich. Ich verstehe nicht warum meine Mutter nicht das Gleiche für mich fühlt. Warum wollte mich meine Mutter nicht haben?

Ich höre wie die Haustür zuknallt. „Schatz!“ Josh ruft nach mir „Liebling wo bist du?“

Ich will gerade aufstehen, da sehe ich den letzten Brief in der Truhe.


Josh


Trotz der Hitze im Estrich wird mir eiskalt. Ich schaue den Brief an und greife zögernd danach. Ich höre Joshs schwere Schritte auf der Treppe. Erneut ruft er nach mir. Ich schliesse die Augen, atme tief ein. Eine innere Ruhe breitet sich in mir aus. Ich lege den Brief an die Lippen und hauche einen Kuss darauf. Dann lege ich den Brief zurück in die Truhe. „Ich komme.“

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