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  • AutorenbildSamarraLeFay

Die Liste

Aktualisiert: 4. Sept. 2022


Julia übersprang die Nachrichten, Sport und das Wetter bis sie zur letzten Seite der Zeitung kam. Sie las jeden Namen einen nach dem anderen, bis sie endlich den gesuchten Name entdeckte:

Anette Adams

Traurig nehmen wir Abschied von unserer geliebten Ehefrau, Tochter, Mutter und Freundin.

Viel zu jung gehst du von uns, doch wird ein Teil von dir immer bei uns sein.


Mehrmals nacheinander musste sie die Worte lesen um wirklich sicher zu sein. Sie hielt bei dem Wort Freundin inne. Freundin? Das sie nicht lachte. Zum Glück war die Hure Babylons endlich tot.

Sie nahm ihre Liste zur Hand und strich den zweiten Namen durch. Mit einem zufriedenen Lächeln legte sie diese beiseite und biss genussvoll in ihr dick bestrichenes Marmeladenbrötchen. Heute würde ein gesegneter Tag werden.


Die erste Person auf der Liste war ihr Exmann Heinrich gewesen. Er starb vor einem Monat, an einem Herzinfarkt. Gottes Wege waren unergründlich, doch ihrer war ein gerechter. Heinrich hatte sie über Jahre hinweg mit allen möglichen Frauen betrogen. Im nachhinein könnte sie sich selber ohrfeigen, dass sie es nicht früher gemerkt hatte. Die ewigen Überstunden, seine geistige Abwesenheit zu Hause und immer wieder diese Lügen. Aber das Schlimmste war, dass alle es gewusst hatten. Aber niemand es hatte ihr gesagt.

Bestimmt hatten sich alle herrlich hinter ihrem Rücken amüsiert. Sie war der Witz der ganzen Stadt. Aber wie hätte sie es ahnen können, dass der Mensch, den sie über alles geliebt hatte, mit dem sie seit Jahren zusammen lebte und den sie besser kannte als jeden anderen, sie von Anfang an belogen hatte?

Bei jedem Gebet hatte sie um Gerechtigkeit gefleht und nach Kraft diese Schmach zu überstehen. Sie hatte lange nicht verstanden, wie Gott ihren sündigen Exmann, der sich dem sechsten Gebot schuldig gemacht hatte, ungestraft lassen konnte. Bis vor einem Monat! Vor einem Monat hatte Gott sich seinen Sünden angenommen. Bei diesem Gedanken stahl sich ein schadenfreudiges Lächeln in ihrem Gesicht, sie wusste einfach, dass Heinrich für alle Zeiten in der Hölle schmoren würde.

Mit Anettes Tod durfte er sich nun die Hölle mit ihr teilen. Julia konnte sich nur zu gut an Anettes gierige Blicke erinnern, die sie Heinrich hinter ihrem Rücken zugeworfen hatte. Aber Julia waren diese nicht entgangen. Sie hatte ihrem Mann vertraut, daher waren ihr die Blicke gleichgültig gewesen.

Wie dumm sie gewesen war. Bestimmt hatten die beiden sie auch über Jahre betrogen. Anette hatte sich bestimmt ebenfalls dem sechsten und zusätzlich noch dem zehnten Gebot schuldig gemacht. Der Tod und die Hölle waren nur die gerechte Strafe hierfür. Julia bemitleidete Anettes Mann. Wie sie war er mit einem sündigen Ehepartner gestraft. Aber nun war er von ihr befreit, auch wenn er jetzt noch trauerte, würde er bald einsehen, dass er ohne sie besser dran war.


Julia räumte ihr Frühstück auf. Wann würde wohl ihr Nachbar Franz-Joseph seine gerechte Strafe bekommen? Er hatte böswillige Gerüchte über sie verbreitet und ein falsches Zeugnis abgelegt. Er erzählte in der ganzen Stadt herum, dass sie ihren Mann umgebracht hätte. Wieviel sie doch jetzt vom Erbe profitierte, was für ein Glück, dass er doch zufällig vor ihrer Scheidung einen Herzinfarkt erlitten hatte. Jetzt würde sie sein ganzes Geld erben. Wie konnte man nur solche Sachen behaupten? Wusste ihr Nachbar nicht, dass sie eine gläubige Christin war?

Aber Gott war auf ihrer Seite. Jetzt, nach dem Anette tot war, würde er sich bestimmt bald Franz-Joseph annehmen. Wie hatte ihre Mutter immer so treffend gesagt: „Gott straft sofort oder wenn er Zeit hat.“


Julia betete jeden Tag unermüdlich, aber als Franz-Joseph nach einigen Wochen noch immer lebte, fing Julia an sich zu sorgen. Bestimmt war es nur eine Prüfung für sie. Franz-Joseph ist das Böse, wovon diese Welt erlöst werden musste.

Aber ihr Nachbar lebte Tag für Tag sein Leben weiter. Wenn er sie sah, winkte er ihr nichts ahnend zu. Seine Dreistigkeit war nicht zu überbieten.

Was wäre, wenn Gott nicht nur ihre Geduld und Glauben prüfte, sondern auch ihre Opferbereitschaft? Vielleicht wollte er von ihr, dass sie selbst die Welt von dem Bösen erlöste. Ihr Nachbar hatte sich bestimmt vieler Sünden schuldig gemacht. Er ging nie zur Kirche, zumindest hatte sie ihn dort noch nie gesehen. Er hatte bestimmt niemals die Beichte abgelegt um seine Seele zu reinigen. Er war die Sünde in Person. Ein Teufel, den es zu vernichten galt. Ihn zu töten war demzufolge gar keine Sünde. Denn es war keine Sünde, die Welt von einem Teufel zu befreien. Im Gegenteil. Es war eine heilige Pflicht. Es wird ihre heilige Pflicht sein, dies durch zu führen. Gott hatte sie auserwählt.

Aber wie sollte sie es bewerkstelligen? Sein Haus anzünden?

Konnten Teufel überhaupt verbrennen? Wahrscheinlich nicht.

Vielleicht mit Weihwasser überschütten. Aber wo bekam sie nur soviel davon her, damit sie ihn überschütten konnte?

Oder sie könnte einen Kuchen mit damit backen? Dann würde sich das Weihwasser wie Säure durch seine Gedärme fressen. Bei der Vorstellung wie sehr ihr Nachbar dabei leiden würde, überkam Julia eine wohlige Wärme. Das musste ein Zeichen Gottes sein.

Bei ihrem nächsten Kirchenbesuch kaufte sich Linda eine Flasche Weihwasser. Sie backte damit einen wunderbar duftenden Blaubeerkuchen.

Beschwingt brachte sie Franz-Joseph ein großes Stück mit den Worten: „Ein ganzer Kuchen ist zu viel für mich alleine und ich dachte du würdest dich über ein Stück freuen.“

Franz-Joseph lächelte sie erfreut an. „Was für eine schöne Überraschung! Wie könnte ich da nein sagen?“


Am nächsten Tag brachte er zu Julias Überraschung den gesäuberten Teller zurück und bedankte sich nochmals.

Hatte er das Kuchenstück wirklich gegessen oder einfach entsorgt? Hatte er sie durchschaut? Vielleicht hatte er den Teller vergiftet. Schnell warf sie diesen in den Abfall. Oder hatte das Weihwasser nicht gewirkt? Vielleicht hatte sich die heilige Wirkung durch die Hitze zersetzt? War es zu wenig Weihwasser? Vielleicht musste sie doch etwas weltlicheres nehmen um die menschliche Hülle des Teufels zu töten? Das einfachste war wohl einen Blaubeer - Tollkirsch-Kuchen zu backen. Tollkirschen verlieren bei Hitze ihre giftige Wirkung nicht, soviel wusste sie.


Sie machte diesen Sonntag nach dem Gottesdienst einen langen Spaziergang im Wald und sammelte dort die Tollkirschen ein. Am Waldrand gab es einen mächtigen Strauch mit vielen Beeren. Der Farbe und Größe nach waren diese Blaubeeren nicht unähnlich, und im gebackenen Zustand wohl kaum mehr zu unterscheiden. Zusätzlich waren Blaubeeren so geschmacksintensiv, dass es wohl nicht auffallen würde. Sie sammelte einige Beeren von Baum, immer darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden.

Beschwingt machte sie sich ans Backen. Dieses mal würde es bestimmt klappen. Noch warm brachte sie ihrem Nachbaren ein Stück. Sie klingelte und als er ihr die Tür öffnete meinte sie mit einer aufgesetzten, freundlichen Stimme: „Da es dir beim letzten Mal so geschmeckt hat, dachte ich, ich bringe dir wieder ein Stück vorbei.“

Mit einem strahlenden Lächeln nahm er das Kuchenstück entgegen und sagte: „Das ist aber nett“, er hielt einen Moment inne beovr er weiter sprach: „willst du dich nicht zu mir in den Garten setzten und wir trinken einen Tee zusammen während ich das wunderbare Stück Kuchen esse? Ich würde mich über ein wenig Gesellschaft freuen.“

Verdammt was sollte sie darauf antworten? War das eine weiterer teuflisches Plan von ihrem Nachbarn? Wie von ferne hörte sie sich antworteten: „Gerne!“

Wie konnte sie nur so dumm sein. Mit dem Teufel Kaffeetrinken? Zu mindest würde sie diese Mal sehen können, ob er das Stück tatsächlich aß.


Franz-Joseph führte sie in den Garten. Er setzte Teewasser auf, pflückte frischen Pfefferminzblätter und tat diese in einen Krug. Als das Wasser kochte, goss er den Krug auf und brachte diesen in den Garten, wo Julia wartete. Er setzte sich zu ihr und nahm mit einem breiten Lächeln die Gabel in die Hand. Er beugte sich über das Kuchenstück und wedelte sich mit der Hand den Duft in die Nase. Mit einem wohligen Brummen sagte er: „Das duftet herrlich. Der letzte Kuchen war der Beste, den ich seit langem gegessen habe.“ Dabei zwinkerte er ihr zu und Julia lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Franz-Joseph stach sich einen grossen Biss mit der Gabel ab und führte diesen zum Mund. Den ersten Biss kaute er genüsslich ehe er sich ungestüm eine weitere Gabel in den Mund stopfte.

Hatte er bereits eine Tollkirsche gegessen? Sie beobachtete, wie er innert kürzester Zeit vier weitere Bisse in sich reinschob. Vergessen schien der Genuss zu sein, den er noch beim ersten Biss verspürt zu haben schien. Kaute dieser Teufel etwa nicht? Plötzlich ließ Franz-Joseph die Gabel fallen. Verkrampft griff er sich ans Herz. Sein Gesicht wurde bleich und kalter Schweiß war auf seiner Stirn zu sehen.

Es klappte, Gott hatte durch ihre Hand gewirkt. In diesem Moment spürte sie die wärmenden Strahlen der Sonne in ihrem Gesicht. Dies musst Gottes Segen sein. Zufrieden schloss sie die Augen und sprach ein kurzes Dankesgebet.

Schwer keuchend presste Franz-Joseph hervor: „Ruf… einen … Kraaanken…waagen!“ Dabei stützte er sich auf die Tischkante ab.

Julia zögerte. Sollte sie wirklich einen rufen und so ihr Werk vielleicht zunichte machen? Aber falls sie keinen rufen würde, und Franz-Joseph doch überlebte, würde er diesen Herzinfarkt mit ihr in Verbindung bringen. Sie hatte eine Aufgabe und musste diese erfüllen.

„Bitte!!“, Franz-Joseph versuchte aufzustehen, kippte aber zur Seite hinüber und landete auf dem Boden.

Julia stand auf und wählte die Nummer des Notrufs. Sie bestellte einen Krankenwagen. Danach kauerte sie sich neben Franz-Jospeh hin, nahm seine Hand und sprach: „Ganz ruhig. Ich habe einen Krankenwagen gerufen. Gott wird sich um dich kümmern. Er hat dich nicht vergessen.“ Dabei strich sie mit einem kühlen Lappen über seine schweißnasse Stirn.

Nach wenigen Minuten traf der Krankenwagen ein und nahm Franz-Joseph mit. Julia spülte die Resten des Kuchens das Klo hinunter und wusch alles säuberlich ab. Danach schloss sie die Tür hinter sich zu und ging nach Hause.

Morgen würde sie sich um die nächste Person auf ihrer Liste kümmern.



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