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  • AutorenbildSamarraLeFay

Dwinbar

Aktualisiert: 18. März 2022


„Was passiert da drin?“ Nogrim blieb besorgt vor dem Eingang seiner Lieblingsschenke stehen. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich seine Zwergenbrüder in einem Twist ab und zu die Köpfe einschlugen, aber dieser Tumult ließ ihn befürchten, dass der Todesgott Rushtar wütete.

Haarok stolperte aus dem Eingang und keuchte: „Dwinbar!“

Nogrim runzelte verwirrt seine Stirn. „Dwinbar? Der Koch? Der kann doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Wie auch, ohne Bart!“ Nogrim lächelte zufrieden in sich hinein. Die Sprüche über Dwinbars Bartlosigkeit wurden ihm nie langweilig.

„Heute war es wohl zu viel“, antwortete Haarok.

Ein Stuhl flog krachend aus der Tür und verfehlte Nogrim und Haarok nur knapp. Haarok entfleuchte ein: „Das war Haarscharf!“, was Nogrim zum Grinsen brachte.

Dwinbar schrie von drinnen: „Das habe ich gehört!“ Dem Stuhl folgte eine Bratpfanne, die Haarok mit einem stumpfen „Blobb“ am Kopf traf.

Haarok betastete die Stelle, an der ihn die Bratpfanne getroffen hatte. Es schien ihm jedoch nichts ausgemacht zu haben. Er hatte schon härtere Schläge wegstecken müssen.

Nogrim fuhr sich nachdenklich über den Bart, unschlüssig darüber, was er nun tun sollte. Er könnte eine Taverne weiter gehen. Aber Dwinbars Bar war die mit dem besten Zwergenbier. Ruliens Schwarzbier! Nur schon beim Gedanken daran lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Einfach das beste Bier überhaupt. „Was ist denn passiert? Hat jemand einen Witz darüber gemacht, dass bartlose Zwerge kein Bier trinken dürften, geschweige den servieren?“ Das war ein Spruch, der sich Dwinbar mehrmals täglich anhören musste. Nogrim selbst brachte ihn mindestens jeden zweiten Abend. Er nutzte sich einfach nicht ab. Er war immer gut.

„Nein, ich glaube es gab keine Sprüche. Aber ein Mensch sass am Tresen.“

„Und der hatte einen Bart?“ Nogrim konnte verstehen, wenn Dwinbar sich in seiner Ehre betrogen fühlte, wenn Oridin sogar einen Menschen mit Bart in seine Taverne schickte. Ein Gott hätte ihn kaum offensichtlicher verspotten können.

„Nein, ich glaube nicht.“ Haarok kratze sich am Kopf und dachte angestrengt nach. „Nein, er hatte definitiv keinen Bart“, schloss er seine Überlegungen.

„Warum ist er dann ausgerastet? Hatte der Mensch einen Bartwitz gemacht?“ Nogrim grinste in sich hinein als er sich daran erinnerte wie er Dwinbar damit aufzog, dass jede Zwergin doch weiß, dass die Männlichkeit eines Zwerges an der Länge seines Bartes ersichtlich ist. Er als Zwergenbruder durfte natürlich solche Witze machen. Aber ein Mensch? Das würde auch er niemals zulassen.

Haarok schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Er sagte, dass er sich freue, dass die Kunst der Rasur nun auch bei den Zwergen angekommen sei.“

„Kunst der Rasur?“ Nogrim riss entsetzt die Augen auf.

Haarok lachte. „Wusstest du nicht, dass Menschen freiwillig ihre Bärte schneiden, so dass ihre Haut glatt wie Dwinbars Gesicht ist.“

„Was? Wer macht denn sowas?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

Haarok zuckte die Schulter und antwortete schlicht: „Menschen!“

„Aber warum?“ Nogrim war noch immer fassungslos.

„Was fragst du mich? Die sind halt ein sonderbares Volk.“

Nogrim nickte. Da hatte Haarok etwas Wahres gesagt.

„Und der Satz die Kunst der ….“ Nogrim suchte nach dem Wort, das Haarok vorhin sagte, aber es wollte ihm nicht mehr einfallen.

„Die Kunst der Rasur!“

„Ja genau, Rasur, dieser Satz brachte Nogrim zum ausrasten?“ Nogrim nickte verständnisvoll. Keinen Bart zu haben war eine Sache, zu unterstellen, dass man sich diesen absichtlich abschneiden würde, eine ganz andere. Das ging tiefer. Das war nicht mehr witzig. Besonders nicht von einem Menschen.

„Nein, Dwinbar hat nur etwas in seinen nicht existierenden Bart gemurmelt und ist dann wieder in die Küche verschwunden.“

„Warum ist er dann ausgerastet?“ Der Lärm in der Taverne wurde langsam leiser. Nogrim überlegte, ob er es nun wagen konnte, ein Bier zu ergattern.

„Als Dwinbar wieder in den Schankraum kam, war dein Nachbar Fisidor dort und hat ihn mit Nacktgesicht angesprochen und ein Bier bestellt.“

„Nacktgesicht? Ich dachte dieser Kosename macht ihn schon längst nicht mehr wütend? Das hat ihn nun zum ausrasten gebracht?“

„Hat es auch nicht.“ Haarok seufzte tief.

Wenn es das nicht war, kam Nogrim nur noch etwas in den Sinn: „Hat der Mensch sich darüber amüsiert?“

„Nein.“ Haarok schüttelte den Kopf.

„Was dann?“, fragte Norgrim ungeduldig. Wenn Haarok nicht bald zum Punkt kommen würde, dann…

„Ja dann unterbrich mich doch nicht dauernd“, schnauzte Haarok zurück.

„Wenn du doch nicht zum Punkt kommst!“

„Wie denn auch?!“

„Kannst du mir jetzt erzählen warum Dwinbar seine Bar dem Steinboden gleichmacht?“ Nogrim linste zur Taverne, aber der Tumult und insbesondere Dwinbars Gefluche wurde wieder lauter.

„Ja, wenn du endlich mal zuhörst“, forderte Haarok.

Nogrim nickte.

„Also, Fisidor hatte Bier bestellt.“

Nogrim unterdrückte den Drang, seine Augen zu verdrehen. Haaroks Intelligenz musste der eines Riesen gleichkommen.

„Gerade als sich Dwinbar das Bier zapfen wollte tänzelte Rubin zum Menschen.“

„Rubin? Ist Dwinbar noch immer in sie verliebt?“ Rubin war eine kleine Zwergendame, die sicherlich nicht die Schönste war. Doch wenn Dwinbar ihr zwei drei Bier spendierte, machte sie ihm als Dank schöne Augen. Zudem war ihr Flaum im Gesicht besonders fein. Im Zwielicht der Taverne hätte man sie für flaumlos halten können. Das reichte Dwinbar aus, um sich unsterblich in sie zu verlieben. Er hatte sie schon öfters um ihre Hand angehalten. Sie hatte aber immer verlegen abgelehnt.

Haarok nickte. „So böse, wie er den Menschen angstarte, denke ich schon.“

„Also ist er deswegen ausgerastet?“ Aus Liebe taten manchmal auch Zwerge sonderbare Sachen.

„Nein.“

„Rubin erzählte ihm, während Dwinbar für Fisidor das Bier zapfte, dass es hier eine wunderbare Suppe geben würde.“ Haarok hielt sich die Nase zu und flötete in hoher Stimmlage: „Ein so dürres Kerlchen wie du benötigt eine richtig starke Zwergensuppe.“

Haarok machte eine erwartungsvolle Pause, aber Nogrim schwieg und bedeutete ihm weiter zu erzählen.

„Der Mann bestellte also auf Rubins Empfehlung eine Suppe, die auch kurze Zeit später kam. Der Mann nahm zwei Löffel der Suppe und legte dann diesen wieder auf die Seite. Als Rubin fragte ob etwas nicht gut sei, sagte der Mann, dass er ein Haar in seiner Suppe hätte.“

Nogrim lachte auf. „Ein Haar? Das musste es gewesen sein, oder? Hat sein Gehilfe wieder an seiner Suppe rumgerührt?“ Dwinbar war beim Kochen sehr eigen. Er bestand darauf, dass die Suppe nach dem Rezept seiner Uroma gekocht wurde. Wenn jemand dem Suppentopf zu nahe kam, dann war die Hölle los. Die Suppe war gut, ohne Frage. Aber die seiner Frau war natürlich um Steine besser.

„Nein. Als er Dwinbar rief…“

Nogrim sah wie Dwinbar das Schild „Geschlossen“ an die Tür hing. Enttäuscht ließ er den Kopf sinken und drehte sich ab, um zu nächster Taverne zu gehen.

„Warte willst du jetzt nicht wissen warum Dwinbar ausgerastet ist?“

Nogrim schaute über seine Schulter zurück und sagte: „Wahrscheinlich weil du nicht zum Punkt gekommen bist.“


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