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  • AutorenbildSamarraLeFay

Die Anstalt - Teil 1

Aktualisiert: 24. Juli 2022


Jules machte sich auf den Weg in den Stadtpark. Es war einer der ersten frühlingshaften Tage in diesem Jahr, an denen die Sonne warm genug war, um wieder eine längere Zeit draussen verbringen zu können. Sie hatte ein sommerliches Kleid angezogen, dazu warme Strümpfe und eine warme Wolljacke. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem langen Zopf geflochten. Obwohl Jules alle Jahreszeiten mochte, sogar den bis gestern nicht enden wollenden Winter, der nach Weihnachten für gewöhnlich seine Magie verlor. Ungeachtet davon, dass es eisig kalt war und niemand wirklich motiviert, etwas zu unternehmen, genoss Sie die Zeit, die sie für sich hatte. Sie kuschelte sich fast jede freie Stunde unter eine warme Decke, trank einen heissen Tee und las. Im Frühling, Sommer und Herbst zusammen las sie nicht so viel wie im Winter. Dieses Jahr dauerte der gefühlte Winter bis Mitte März an. Aber die Bücher gehen Jules nie aus. Im Gegenteil, mit jedem gelesenen Buch gesellten sich zwei bis drei Bücher zu ihrer Leseliste dazu. Dabei las Jules durchs Band alles, was sie gerade interessierte. Von Liebesromanen über Fantasy zu Horror aber auch Sachbüchern und klassischer Literatur fand sich alles auf ihrer Liste.


Weg zum Stadtpark führte durch eine Baumallee. Die Bäume zeigten bereits erste geöffnete Sprossen. Dies liess sie in der Sonne in einem hellen Grün schimmern. Die Luft roch frisch und nach Frühling. Ein Geruch, den Allergiker wohl hassen mussten, aber sie liebte ihn. Die Amseln sangen bereits ihr Paarungslied, das stellte sich Jules zumindest vor wenn immer sie Vögel hörte. Sie hatte diese romantische Vorstellung, dass Vögel sich aus Liebe gegenseitig vorsangen.

Normalerweise nahm sie in den Park etwas zu essen mit, aber heute würde sie sich ein Sandwich von der Bäckerei am Park gönnen. Zum essen würde sie sich auf eine Parkbank setzen und ihr aktuelles Buch lesen. Sie freute sich darauf, Kinder im Park spielen zu hören. Sie fand das Geschrei von Kindern beruhigend. Vielleicht lag es daran, dass sie drei jüngere Geschwister hatte. Auf der anderen Seite der Wiese hatte sie eine freie Bank entdeckt. Sie nahm den kürzesten Weg über die Wiese. Sie freute sich auf den Sommer, wenn sie ohne Schuhe über die Wiesen gehen würde und das Gras an ihren Fusssohlen spüren konnte. Es gab nichts Bodenständigeres, als die Erde an den Füssen zu spüren.

Die Bank befand sich unter einer grossen Linde. Sie setzte sich hin, packte ihr Sandwich aus und biss genüsslich hinein. Das Brot war aussen knusprig und innen herrlich weich. Der knackige Salat, der süssliche Senf und der würzige Käse rundeten den Geschmack ab. Während des Kauens schloss Jules die Augen und liess das Zusammenspiel der verschiedenen Aromen auf sich wirken. Aus der Ferne hörte sie Kinder spielen. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlug sie ihr Buch auf. Romeo und Julia hatte sie bestimmt schon zehnmal gelesen, aber sie liebte die tragische Liebesgeschichte. Sie und David würden nächste Woche ihren Jahrestag feiern. Sie hatten vereinbart, dass sie sich nichts gegenseitig schenken, sondern sich Liebesbrief schreiben würden. Und was konnte inspirierender sein als Shakespeare?

Jules war vertieft in ihr Buch, als aus dem Nichts ein heller Blitz in die Linde einschlug. Wenige Sekunden später hörte sie einen ohrenbetäubenden Krach, der durch den gesamten Park donnerte. Die Leute im Park hielten sich vor Schreck die Ohren zu und schauten sich ängstlich um. Eine Frau zeigte auf Jules und schien etwas zu schreien. Ein Mann kam fuchtelnd auf sie zu gerannt. Dann schaute Jules sich um. Der Blitz hatte in die Linde direkt neben ihr eingeschlagen und den Baum in zwei Hälften gespalten. Der Baum kippte in Jules Richtung. Jules starrte auf den näher kommenden Stamm und konnte sich nicht bewegen. Wie in Zeitlupe kam der Stamm immer näher und näher. Der gespaltene Stamm ächzte und eine fremde Stimme in Jules Kopf schrie auf sie ein: „Weg! Du musst weg! JETZT!“

Im letzten Moment rollte Jules von der Bank hinunter. Die Baumhälfte begrub die Bank unter sich. Ungläubig starrte Jules auf den Ort, wo sie noch vor einem Augenblick gesessen hatte und dann wurde es schwarz vor Jules Augen.

„Hei! Es ist acht Uhr. Du musst aufstehen!“ Jules öffnete verwirrt die Augen. Vor ihr stand eine Frau Mitte vierzig. Sie hatte braune lockige Haare. Ihr Blick war bestimmt und streng, aber nicht böse. Sie hatte ihre Hände in die Hüfte gestemmt.

„Wer sind Sie?“ Jules rieb sich verwirrt die Augen und schaute sich um. Sie war nicht zu Hause in ihrer Wohnung. Was war passiert? Der Baum, kam es Jules in den Sinn. Aber wenn Jules sich umschaute, konnte es kein Krankenhaus sein. Der Raum war fast wie ihr Jugendzimmer in der Kindheit. Es hingen Poster an den Wänden, von verschiedenen Bands und Tieren. Einige Poster waren mit Textmarkern verunstaltet.

„Spielen wir wieder das Spiel: Ich weiss nicht, wer ich bin und was ich hier mache?“, fragte die Frau gelangweilt. „Komm jetzt, für solche Spielchen bist du zu spät dran!“, mit diesen Worten wollte sich die Frau wieder umdrehen.

„Moment. Bitte warten sie“, bat Jules verwirrt.

„Jenny…“, die Frau wirkte ungeduldig, „hatten wir dies nicht schon genügend oft durchgespielt. Es wird dir nichts nützen. Du machst dir nur dein Leben unnötig schwer.“

„Ich heisse Jules“, stellte sie klar, „das muss eine Verwechslung sein! Ich war im Park…“

„Jenny!“, die Stimme der Frau hatte einen warnenden Ton angenommen. Sie würde bald die Geduld verlieren.

Verzweifelt rieb sich Jules über den Kopf. Wo waren ihre langen Haare? Sie stand auf, lief zum Waschbecken neben der Tür und schaute in den Spiegel. Eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren starte ihr entgegen. Sie kannte diese Frau nicht. Wer war das? Die Augen waren ebenfalls braun, nicht grün wie ihre. Sie kippte ihren Kopf nach rechts, die Frau im Spiegel kippte ihren Kopf nach links. Ihre Finger tasteten ihr Gesicht ab, die Frau im Spiegel tat es ihr gleich. Wie konnte dies sein? Jules verschlug es den Atem. Was war hier los? Sie atmete kurz ein und aus, aber es kam keine Luft in ihre Lungen. Mit aller Kraft versuchte sie mehr Sauerstoff in sich reinzuziehen.

„Jenny“, die Frau sprach sie mit einer beruhigenden Stimme an, „ganz ruhig. Atme ein und aus.“

Jules keuchte: „Ich… bin… nicht… Jenny!“ Dann wurde Jules erneut schwarz vor ihren Augen.

Als Jules das nächste Mal erwachte, war sie nun definitiv in einer Art Krankenzimmer. Sie fühlte sich benommen, als ob sie am Vortag zu viel getrunken hätte. Wo war sie schon wieder?

Die Tür öffnete sich und ein junger Mann trat in den Raum. „Ah, Jenny, du bist wieder wach? Das freut mich.“ Der Mann lächelte sie freundlich an.

„Ich bin nicht Jenny!“ Jules drehte den Kopf von dem Mann weg.

„Ja, Ester hat schon gesagt, dass du wieder so eine Phase hast“, sagte der Mann verständnisvoll.

„Es ist keine Phase! Ich bin nicht Jenny!“, beharrte Jules.

„Jenny…“, der Mann zögerte einen kurzen Moment, „du hast doch in letzter Zeit so viele Fortschritte gemacht. Du hast mehr Freiheiten erhalten, und wir hofften dich in ein Eingliederungsprogramm zu bringen.“

„Was ist ein Eingliederungsprogramm?“, fragte Jules nach.

„Ein Programm, welches dich zurück in die Gesellschaft eingliedert. Begleiteter Ausgang aus der Anstalt, Kurse besuchen, eine Ausbildung beginnen, betreutes Wohnen“, der Mann beobachtete jede Bewegung von Jules. Jules wusste, er suchte nach Anzeichen des Erinnerns.

Jules Augen weiteten sich, als sie sich der Worte des Mannes bewusst wurde: „Moment! Ausgang? Anstalt? Bin ich hier gefangen?“

Der Mann runzelte die Stirn: „Du bist seit 4 Jahren in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt.“

„Aber das ist eine Verwechslung!“ Jules verzweifelte zunehmend: „Ich war im Park, ein Blitz schlug ein und jetzt bin hier. Ich gehöre nicht hier her, ich wohne in der P…strasse in L. Fragt meinen Freund David, die Telefonnummer ist 0…, oder meine Mutter. Bitte, Sie müssen mir helfen, ich bin nicht Jenny.“ Die Worte sprudelten nur so aus Jules raus, während sie sich aufgeregt im Bett aufrichtete.

Der Mann drückte sie sachte wieder zurück aufs Bett und sprach in einem beruhigenden Ton auf sie ein: „Beruhige dich, Jenny. Alles wird gut.“

Der Mann musste irgendetwas ausgelöst haben, denn eine Krankenschwester kam ins Zimmer. „Hallo Jenny. Ich gebe dir etwas zu Beruhigung. Du wirst dich danach ein wenig lethargisch fühlen, aber es verhindert eine neue Panikattacke.“ Dann stach sie Jules mit einer Spritze in den Arm.

Jenny kämpfte einen Moment gegen den Mann und die Wirkung des Medikamentes an, bis sie aufgab. Dieses Mal schlief sie nicht wieder ein. Sie dämmerte so dahin, mit halb geöffneten Augen.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, sie musste wohl wieder eingeschlafen sein, aber als sie wieder klar denken konnte, stellte sie fest, dass sie nicht alleine im Raum war. Gegenüber im Raum sass eine Frau mit einen strengen Dutt. Sie las in einem Buch und schien gewartet zu haben.

„Hallo Jenny. Ich bin Doktor Rosmarie Schmidt“, die Frau hatte eine ruhige wohlklingende Stimme. „Du hattest, wie ich vermute, einen psychotischen Schub und daraus folgend einen Schock erlitten.“ Die Frau wartete einen Augenblick und schaute Jules aufmerksam an. „Wie ich erfahren habe, glaubst du momentan, dass du ein Mädchen Namens Jules sein solltest. Wir werden in den nächsten Tagen einige Test mit dir durchführen, um eine Diagnose stellen zu können und dich medikamentös einzustellen. Es muss für dich alles sehr verstörend sein, aber ich verspreche dir, wir werden dir helfen und es wird dir bald besser gehen.“ Doktor Schmidt lächelte Jules aufmunternd an.

„Aber ich gehöre nicht hier her.“ Jules verzweifelte innerlich, „Sie müssen mich hier raus lassen.“

Doktor Schmidt nickte Jules aufmunternd zu: „Wenn du nicht hierher gehörst dann arbeite mit uns zusammen. Du bist hier, damit wir dir helfen können. Lass uns dir helfen.“

Jules und Doktor Schmidt schwiegen sich lange an, ehe Jules fragte: „Wer war Jenny? Wie war sie so?“

Doktor Schmidt kippte den Kopf auf die linke Seite und schaute Jules forschend an. „Erzähle mir woran du dich erinnern kannst, bevor du hierherkamst, und ich erzähle dir von Jenny.“

Jules nickte zögerlich.

„Also abgemacht.“ Doktor Schmidt wartete, bis Jules anfing zu erzählen. Jules erzählte von dem Park, von den Vögeln. Sie erzählte von ihrer Bücherliste und von David. Sie erzählte nicht viel von David. Sie fragte sich, was David wohl denken musste, wenn sie einfach so verschwunden war? Was würde er tun? Würde er sie suchen? Ganz bestimmt würde er sie suchen und retten, solange musste sie mitspielen und das Beste tun, hier raus zu kommen.


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