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  • AutorenbildSamarraLeFay

Der weisse Hirsch

Aktualisiert: 4. Dez. 2022

„Tante Narilla! Tante Narilla?“

Lächelnd schaute Narilla auf ihre hüpfende Nichte herab, ein Gefühl von Wärme durchströmte sie. Spielerisch tadelndend fragte sie: „Arilia, solltest du nicht längst im Bett liegen und schlafen?“

„Mama sagte, ich darf aufbleiben und warten bis du nach Hause kommst!“ Arilia strahlte sie an, erfreut über die Grosszügigkeit ihrer Mutter.

Gewiss hatte ihre Schwester ihr das erlaubt. Aber nicht aus Nächstenliebe, sondern damit sie sich nicht selber um ihre Tochter kümmern musste. Wie die meisten Tieflande hatte sie es nicht so mit der Kindererziehung. Narilla würde es nie zugeben, aber sie freute sich über die Begrüssung von Arilia. Insbesondere nach so einem Tag wie heute. Das würde sie natürlich nicht davon abhalten, sich später bei ihrer Schwester zu beklagen und sie zu tadeln. Ganz so, wie es die Etikette verlangte.

Wehmütig beobachte Narilla, wie Arilia um sie herum tänzelte. Als Kind war die Welt sorgenlos. Egal ob Mensch, Ork, Tier oder Tiefling. Kinder sind immer unschuldig und der Spiegel einer heilen Welt. Wie sehr sie doch Arilia um diese Gabe beneidete. Doch die Zeiten waren schon lange vorbei und Arilias Mutter war über die Zeit weniger eine Schwester und mehr eine Konkurrentin geworden. Ihre Schwester würde nicht zögern, ihr ein Messer in den Rücken zu rammen, würde sie dadurch im Rang und Ansehen des Großen Alten aufsteigen.

Arilia streckte ihre Arme nach oben. Narilla beugte sich herab und hielt ihre Wange für einen feuchten Schmatzer hin. Ohne Gnade klammerte sich Arilia um ihren Hals. Narilla packte ihre Nichte unter den Armen und wirbelte sie unter lautem Gejauchze und Gekicher in die Luft.

„So, jetzt aber ab ins Bett mit dir“, mit diesem Worten trug sie ihre Nichte ins Schlafzimmer.

„Tante Narilla? Erzählst du mir eine Geschichte?“, fragte Arilia und schlug die Bettdecke zurück.

„Was für eine Geschichte?“

„Wo warst du so lange?“

„Das ist keine Geschichte für kleine Tieflinge wie dich“ und kraulte Arilia am Bauch.

„Biiiiittttttteeeeeee!“ Arilia schaute sie mit ihren großen glänzenden Augen an. „Danach schlafe ich auch. Versprochen.“

Narilla gab sich geschlagen. „Also gut. Aber wenn du danach noch einmal aufstehst und mich störst, dann erzählst du mir morgen eine Geschichte!“ Narilla hob drohend den Zeigefinger in die Luft.

Arilia versteckte ihre Nase unter der Decke und nickte freudig.

„Kannst du dich an Onkel Risegal erinnern?“ fragte Narilla.

Arilia schüttelte den Kopf.

„Risegal, dein Onkel, ging vor langer Zeit in den Wald.“

„Was wollte er dort?“

„Jetzt, warte doch, du kleiner Drängelkopf.“ Narilla machte eine lange Pause, bevor sie wieder in die Geschichte einstieg: „Onkel Risegal ging in den Wald um zu jagen. Zu dieser Zeit machte sich seit einigen Wochen in Malbaliran das Gerücht breit, dass sich im Wald ein weißer Hirsch herumtreiben soll. Das Fell soll weiß wie das eines Eisbären sein, aber flauschig, wie das einer Katze. Ein solches Fell war das zehnfache seines Gewichtes in Gold wert. Das Geweih so groß und mächtig das gleich mehrere Vögel darauf ihre Nester gebaut haben.“

„So ein Hirsch muss ja mindestens so groß wie ein kleines Haus sein“, staunte Arilia.

„Genau so groß war er auch.“

„Ist es nicht gefährlich so einen Hirsch zu jagen?“ flüsterte Arilia.

„Unglaublich gefährlich.“ Narilla nickte bestätigend. „Zumal im Wald noch weitere gefährliche Tiere leben, Wölfe, Bären, Eulenbären, Schlangen. So ein kleines süßes Mädchen wie du hat bestimmt nichts im Wald verloren“, sagte sie mahnend und küsste sie auf die Stirn.

„Risegal war kein besonders erfahrener Jäger. Mit Mühe konnte er die Spuren eines Bären und eines Wolfes unterscheiden. Aber er war stark, ausdauernd und sehr, sehr stur. Fast so stur, wie er auch stolz war. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann kam er nicht mehr davon ab.“

„War er auch ein Tiefling?“

„Natürlich war er ein Tiefling, er war doch dein Onkel.“ Narilla hielt kurz inne bevor sie weiter erzählte: „Also wo waren wir? Er war sehr stur, so wie du.“ Narilla strich ihrer Nichte liebevoll durch das lange schwarze Haar. „Er hatte sich also in den Kopf gesetzt dieses Tier zu jagen. Doch er packte nur sieben Sachen ein.“

„Warum?“

„Weil es der Große Alte ihm so befahl. Jetzt psst, sonst kommen wir nie zu einem Ende.

Risegal packte also nur sieben Sachen ein. Einen Bogen, ein Köcher Pfeile, drei Tagesrationen Essen, einen Schlafsack und eine Flöte. Er brach an einem nebligen Herbstmorgen auf. Ich schaute ihm vom Stadttor hinterher bis seine Gestalt vom Nebel verschluckt wurde. Wir warteten zwei Wochen, bis wir die Hoffnung aufgaben, dass er von alleine zurückkehren würde. Danach haben wir, in Absprache mit dem Familienoberhaupt, damals noch Tante Ruthiel, mich mit einem Suchtrupp losgeschickt. Wir haben einen Jäger engagiert, der sich im Wald auskennt und Fährtenhunde ausgeliehen. Unser Zuhause ist die Stadt und nicht der Wald, nicht die Wildnis. Darum war auch Risegals Unternehmen so unglaublich dumm. Er hätte besser einen Jäger engagiert.

Die Hunde nahmen schnell die Fährte von Risegal auf, obwohl sie schon zwei Wochen alt war und es in der Zwischenzeit geregnet hatte. Trotzdem mussten wir mehrere Tage wandern und im Freien übernachten ehe wir etwas fanden. Arilia, glaube mir, schätze dich glücklich in einer Stadt leben zu können. Der Wald draußen ist nass, feucht, dauernd kriechen irgendwelche Insekten aus den Sträuchern und der ganze Körper beißt. Jeder Schritt muss bedacht gesetzt werden. Ich hoffe, dass ich nie wieder sowas machen muss. Und die Nächte sind unglaublich laut. Geheule von wilden Tieren zerriss die Ruhe und wir durften kein Feuer machen, damit wir nicht noch Schlimmeres anlockten.

Nach vier Nächten fanden wir einen See im Wald, so klar dass wir jeden Fisch und jeden Stein am Grund sehen konnten. Um den See wuchsen wilde Beeren und Nüsse. Das leise Plätschern eines Baches unterstrich den Gesang der Vögel. Am Ufer des Sees sass ein alter gebrochener Mann und versuchte vergeblich eine Nuss mit einem Stein zu knacken. Als er uns kommen hörte schaute er auf. Seine Augen waren grau und leer. Doch als er mich sah, wurden seine Augen dunkler und er krächzte: „Narilla? Narilla bist das du?“ Woher kannte mich dieser alte Mann? Ich musterte ihn von oben bis unten. Erst da erkannte ich, dass der alte Mann Risegals Kleider trug. Nicht nur das, seine Haut war grau, aber sie schimmerte lila und die Hörner auf der Stirn waren unverkennbar Risegals.

Die anderen blieben zurück und ich ging vorsichtig zum alten Mann. „Risegal?“ Der Mann nickte. „Risegal, was ist mit dir geschehen?“ Doch Risegal antwortete nicht. Ich schaute in seine Augen und suchte dort nach Antworten, aber ich sah nur seine Tränen. Risegal, der so stolz und stur war, weinte? Wir Ras’ntal weinen nicht! Vor allem nicht vor Anderen. Aber hier war er und tat genau das. Ich wollte mich hilfesuchend umschauen, aber wer konnte schon helfen?“

„Ich“, krächzte Risegal, „Ich habe ihn gefunden.“

„Wen hast du gefunden?“

„Den weißen Hirsch.“

„Das hast du gut gemacht.“

„Ich bin den Runen gefolgt, die haben mich hierher geführt und hier am Wasser stand der Hirsch.“

„Was für Runen?“

„Die Runen in den Baumrinden.“

Sofort wusste ich was er meinte. Es waren Elfenrunen wie die aus den Legenden! Sie erscheinen jenen in Not, doch sie sind Fluch und Segen zugleich. „Warum bist du ihnen gefolgt?“

„Ich konnte nicht anders. Die Legende besagt: Folge den Runen und du findest was du wirklich suchst. Doch ich suchte nicht den Hirsch. Nicht wirklich. Narilla hör mir zu. Ihr müsst hier weg.“ Risegals Tonfall war sehr drängend.

„Warum?“

Risegal stammelte und beachtete meine Frage gar nicht: „Ich… Ich war hier und ich… ich habe den Hirsch gefunden. Ich habe auf ihn geschossen und dann kam sie!“

„Wer kam?“ Ich griff nach Risegals Hand.

„Die Göttin!“

„Göttin?“

„Ja, sie hat gesagt, dieser Ort gehört nicht uns, sondern den Tieren. Ich sei ein Gast gewesen in Not, ich hätte hier genügend Essen und Wasser gefunden, ohne jemanden zu verletzen und ich hätte das Gesetzt gebrochen. Zu Strafe hat sie mir meine Jugend genommen.“

„Was habt ihr dann gemacht?“ wollte Arilia halbschlafend wissen.

„Wir sind gegangen!“, sagte Narilla nicht ohne Trauer in den Augen.

„Ohne Onkel Risegal?“

„Ja!“

„Warum?“

„Wenn jemand hierher kommt und unsere Gesetze bricht, dann lassen wir auch nicht zu dass jemand von außen kommt und ihn aus seiner gerechten Strafe erlöst. Risegal hat seine gerechte Strafe bekommen, auch wenn sie uns ungerecht erschien.

„Das verstehe ich nicht. „

„Ich weiss meine Kleine. Vielleicht wirst du es irgendwann verstehen. Aber jetzt denk an dein Versprechen und schlaf.“

„Weisst du, zum Glück hat der Große Alte ihm befohlen sieben Sachen mitzunehmen, wenn er nur sechs Sachen mitgenommen hätte, dann hätte er jetzt keine Flöte um sich die Zeit alleine zu vertreiben.“

„Ja!“, lächelte Narilla

„Tante Narilla?“

„Ja?“

„Wenn ich alleine im Wald bin, lässt du mich dann auch zurück?“

Narilla beugte sich vor und flüsterte Arilia ins Ohr: „Ich werde dich niemals zurücklassen.“





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