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  • AutorenbildSamarraLeFay

Der Park

Aktualisiert: 24. Juli 2022


Linda entschied sich trotz, oder gerade aufgrund, des tristen Wetters ihren freien Vormittag im Park zu verbringen. In den letzten Tagen waren die Temperaturen immer über fünfunddreissig Grad gewesen und die Sonne verbrannte erbarmungslos jedes Lebewesen, welches gewagt hatte ihre Strahlen zu kreuzen. Heute war der Himmel mit schützendem Hochnebel bedeckt. Der Wetterbericht hatte Regen vorhergesagt, aber bis jetzt fiel kein einziger Tropfen. Linda bedauerte den fehlenden Regen. Die Pflanzen hätten diesen bitter nötig gehabt. Die meisten Blätter hatten bereits hellbraune Verfärbungen, aufgrund der wochenlang anhaltenden Trockenheit.

Auf dem Weg zum Park wehte eine angenehme Brise. Diese war nicht stark genug um Lindas lange schwarze Haare in der Luft zu wirbeln, aber dennoch wies sie genügend Kraft auf um die angestaute Hitze der letzten Tage in den Strassen wegzufegen. Sie genoss diese Brise und freute sich auf ein paar erholsame Stunden im Park.

Als sie im Park ankam, stellte Linda verwundert fest, dass dieser menschenleer war. Linda vermutete, dass der angekündigte Regen der Grund war. Insgeheim freute sich Linda darüber. Heute würde sie niemand ansprechen. Niemand würde sie in ein Gespräch verwickeln wollen. Männer verstanden es oft nicht, dass sie einfach gerne für sich war. Allein sein zu wollen an einem öffentlichen Ort, als attraktive Frau, die sie nun einmal war, wurde oft als Aufforderung verstanden.




Der Park hatte hohe Bäume und Sträucher, sodass von den Strassen und den umgebenden Häusern der Park nicht einsehbar war. Der Rasen war auf den Millimeter genau getrimmt und es gab in regelmässigen Abständen exotische Blumenbeete. Dies erschuf die Atmosphäre eines englischen Parks, die Linda so sehr liebte. Sofern man die Ohren verschloss und man nicht auf den Verkehr achtete. Linda tat dies oftmals mittels Noise-Canceling Kopfhörern.

Linda setzte sich auf eine Bank in der Mitte des Parks. Sie atmete die frische Luft tief in ihre Nase ein. Mit jedem tiefen Atemzug breitete sich eine entspannende Ruhe in ihr aus. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, wie viel Anspannung und Stress das heisse Wetter in ihr verursacht hatte. Aber mit dieser Abkühlung befreite sich ihr Brustkorb von der Anspannung und sie konnte freier atmen. Sie freute sich schon auf die kommende Nacht. Endlich konnte sie wieder eingewickelt in ihrer Decke schlafen, ohne dass die unangenehme Hitze sie vom Tiefschlaf abhielt oder sie schweissgebadet erwachen würde.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie zwei Eichhörnchen die spielerisch von Ast zu Ast sprangen und sich gegenseitig Stamm hoch und runter jagten. Gespannt verfolgte Linda das Treiben. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie eines der Eichhörnchen einen waghalsigen Sprung zu einem weit entfernten Ast anzielte. Mit wackelndem Hinterteil, wie eine Katze die zum letzten tödlichen Sprung auf eine Maus ansetzte, bereitete das Eichhörnchen sich auf den Sprung vor. Das Eichhörnchen sammelte allen Mut zusammen und sprang ab. Mit ausgestreckten Vorderarmen flog es auf den viel zu dünnen Ast zu. Linda war überzeugt, dass dieser brechen musste. Doch sie irrte sich. Elegant ergriff das Eichhörnchen im Flug den Ast und sprang kurz darauf zwei Äste weiter.

Die Eichhörnchen waren ein seltener Anblick in diesem Park, in dem es sonst von Menschen und Hunden wimmelte. Linda sann über die Frage nach, ob sie Eichhörnchen so selten in diesem Park sah, da diese den Park mieden, wenn zu viele Menschen und Hunde da waren oder sie selber so abgelenkt war von den anderen Besuchern, dass sie die Eichhörnchen nicht mehr wahrnahm.

Als ein Eichhörnchen besonders nah an sie ran kam, verspürte Linda den Drang diesen Moment festhalten zu wollen. Ohne das Eichhörnchen aus den Augen zu lassen, griff sie blind in ihre Tasche nach ihrem Handy. Mit einem geübten Wisch öffnete sie die Kamera-App und stellte auf Video aufnehmen.

Während des Filmens nahm sie durch das Vibrieren eine einkommende Textnachricht wahr, die sie aber nicht weiter interessierte. Diese Zeit gehörte ihr alleine und sie würde sich früh genug wieder um ihre Freunde, Familie und die Arbeit kümmern. Sie hatte sich für den heutigen Tag fest vorgenommen eine Social Media Pause einzulegen. Sie war überzeugt, dass ihr das gut tun würde und sie sich so auf das Wesentliche besinnen konnte. Zum Beispiel sich hier im Park sich an zwei Eichhörnchen zu erfreuen.

Als sie spürte, dass eine zweite Nachricht eintraf, schaute sie kurz nach, von wem diese stammte. Erstaunt stellte sie fest, dass es sich bei beiden Nachrichten um dieselbe unbekannte Nummer handelte. Von der Neugier gepackt warf sie ihre Vorsätze gleich wieder über Bord und öffnete die zweite Nachricht zuerst: „Ich kann dich sehen!“

Verwundert runzelte Linda die Stirn. War das ein Prank? Dann tippte sie auf die erste Nachricht. Es war ein Bild und sie musste es herunterladen, um zu sehen, was auf dem Bild war. Sie sah auf dem Bild sich selber auf einer Bank im Park sitzen. Das musste vor wenigen Momenten aufgenommen worden sein, stellte Linda verwirrt fest. Auf dem Bild hatte sie die gleiche graue Jeans und das gleiche gelbe Shirt an wie sie jetzt trug.

Ein leichtes Unbehagen stieg in ihr auf. Es musste definitiv ein Prank von ihren Freunden sein. Aber der Zweifel nagte bereits an ihren Nerven. Unsicher schaute sich Linda um. Aber sie konnte niemanden entdecken. Hatte sich etwas hinter dem Gebüsch bewegt? Sie stand auf, bereit, beim kleinsten Anzeichen von Gefahr davon zu sprinten. Stand da wer im Schatten der Bäume? Vorsichtshalber griff sie in ihrer Tasche nach ihrem Hausschlüssel und nahm ihn zwischen die Finger, sodass die Spitze hervorschaute. Dies hatte sie irgendwo gelesen, der Schlüssel diente so als Waffe, die sie bei einem Angriff zur Verteidigung nutzen könnte. Sie hatte aber diesen Trick zum Glück noch nie anwenden müssen.

Ein weiteren Tip war, sich die Angst nicht anmerken zu lassen. Sie drückte ihren Rücken durch und ging mit erhobenem Kopf und grossen sicheren Schritten zum Ausgang des Parks. Sie liess sich nur ungern den Tag im Park durch eine Nachricht versauen, aber jetzt konnte sie den Vormittag hier sowieso nicht mehr geniessen. Sie würde sich zu Hause ein gemütliches Schaumbad einlassen, hauptsache sie war weg von diesem Park.

Sie wählte die Richtung, entgegengesetzt jener aus der das Foto geschossen worden war. Der Nachteil war, dass sie so diese Richtung nicht mehr im Auge behalten konnte. Sie setzte ihre Kopfhörer ab, damit sie Geräusche in ihrer Umgebung wahrnehmen konnte. Wenn sie hinter sich Schritte hören sollte, würde sie rennen. Aber sie hörte, ausser dem Rascheln der Blätter im Wind, nichts.

Sie erhielt eine weitere Nachricht. Sie öffnete diese und las den Text im Laufschritt, bevor sie das Bild runterlud: „Es gibt kein Entkommen!“

Alarmiert blieb sie stehen und schaute sie hinter sich. Hatte sich der Schatten bewegt? War da tatsächlich etwas? Hörte sie Schritte neben sich. Ihr Herz raste.


Sie hastig tippte das Bild an, um es runterzuladen. Sie sah ihr Gesicht in einer Nahaufnahme. Ihre Augen waren verquollen, aber leicht geöffnet. Das Unheimlich daran war, dass sich in ihren Augen kein Leben spiegelte. Ihre Haut war durchscheinend blass und ihre Lippen hatten eine dunkle Farbe. Sie war offensichtlich tot auf diesem Bild. Es sah so unglaublich realistisch aus, dass Linda sich gar nicht vorstellen konnte, dass dieses Bild mit einem Programm bearbeitet worden war. Aber es musste so sein. Es war die einzige logische Erklärung. Diese Gedanken rasten in wenigen Sekunden durch ihren Kopf. Linda spürte, wie Panik in ihr hochstieg. Was, wenn sie einen Stalker hatte? Sie war noch knapp hundert Meter vom Parkausgang entfernt. Während sie mit hektischen Schritten und um sich schauend, wieder Richtung Ausgang eilte, wählte sie die Nummer ihrer Freundin Marti. Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Dann legte sie wieder auf. Jetzt waren es noch etwa achtzig Meter.

Linda erhielt eine weitere Nachricht. Dieses Mal nur ein Bild. Es zeigte sie von der Seite, wie sie zum Ausgang hetzte. Sie sah abgekämpft aus. Der Frau auf dem Bild war die Angst förmlich anzusehen. Ohne anzuhalten, schaute Linda neben sich, wo das Bild hätte geschossen werden müssen. Da war niemand. Wie konnte das sein? Es gab kaum Versteckmöglichkeiten, in der vermuteten Richtung. Wenn dort jemand stehen würde, hätte sie ihn sehen müssen.

Sie wählte die Nummer des Notrufs. Besetzt! Wie kann der Notruf besetzt sein? Linda war entsetzt. Es waren noch dreissig Meter. Fast hatte sie es geschafft, nur noch wenige Schritte bis sie aus diesem Park raus war. Linda rannte los. Sie war überzeugt, dass jeden Moment jemand sie von der Seite her angreifen würde. Hörte sie etwas hinter sich? Oder neben sich? Würde er sie kurz vor dem Ausgang abfangen? War dies sein perverses Spiel? War da nicht ein lautes Keuchen? Linda drehte sich um. Nein, da war niemand! Sie rannte weiter. Zehn Meter. Sieben. Fünf. Vier. Mit zwei letzten grossen Sätzen rannte sie aus dem Park hinaus.

Sie schaute kurz, ob die Strasse frei war, und rannte sogleich auch über den Zebrastreifen auf die andere Strassenseite. Erst dann blieb sie stehen. Mit ängstlichen Blick schaute sie zur anderen Strassenseite hinüber. War der Park dunkler geworden? Hatte er schon immer so bedrohlich gewirkt?

Erst als sie wieder bei Atem war, stellte sie erstaunt fest, dass weder Autos noch Fussgänger unterwegs waren. Wie konnte das sein? Die Stadt brummte normalerweise Tag- und Nacht. Bevor sie dem Park endgültig den Rücken zukehrte, wollte sie noch einen letzten Blick auf diesen Park werfen. Sie wusste bereits jetzt, dass sie nie mehr alleine in diesen Park gehen würde. In der festen innerlichen Überzeugung, dass sie am Eingang jemand entdecken würde, war sie unendlich erleichtert, dass der Eingang unverändert leer stand.

Auf den ersten Schritten nach Hause versuchte sie noch einmal den Notruf zu erreichen, aber der war noch immer besetzt. Ihre Wohnung war etwa zehn Gehminuten vom Park entfernt. Nach kurzer Zeit fiel ihr auf, dass alle Läden geschlossen waren, und noch immer war ihr keine Menschenseele begegnet. Kein Auto, Bus oder Fahrrad war auf den Strasse. Die Stadt war ausgestorben.

Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern, wie es war, als sie zum Park ging. Hatte sie Menschen gesehen? Sie hatte doch? Es wäre ihr doch aufgefallen, wenn ihr niemand begegnet wäre? Die Läden waren da bestimmt geöffnet? Aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich einfach nicht daran erinnern, wie sie in den Park kam, oder wie sie heute Morgen aufgestanden war. Sie konnte sich nur noch an den Park und die Eichhörnchen erinnern.

Auf halbem Weg zu ihrer Wohnung bekam sie eine weitere SMS: „Du bist nicht allein.“

Vor Schreck hielt sie sich ihre Hand vor den Mund und hätte dabei fast das Handy fallen lassen. Sie schaute sich um. Aber sie war genau das: Allein! Allein und schutzlos. Sie hatte sich niemals zuvor in ihrem Leben so verletzlich gefühlt. Sie stellte das Handy aus. Sie wollte keine Nachrichten mehr erhalten. Sie hatte genug!

Vielleicht war das alles nur ein Albtraum? Darum war niemand hier? Sie schaute ihre Finger an und zählte diese durch. Sie hatte gelesen, falls sie träumen würde, könnte sie sich so aus dem Traum aufwecken. Aber es passierte nichts. Sie beschleunigte ihren Gang erneut, bis sie fast rannte. Sie wollte nur noch nach Hause, sich in ihre Wohnung einschliessen und einfach in Sicherheit sein.

Als sie in ihre Strasse einbog, sah sie den Block, in dem sich ihre Wohnung befand. Mit einem wachsenden Unbehagen schaute sie sich um. Sie war immer noch alleine. Zumindest konnte sie niemanden entdecken. Bedeutete dies wirklich, dass sie alleine war? Eine erdrückende Stille lag in der Luft, die Linda den Atem raubte. Wieder spürte sie ihr Herz rasen. War das ihre Panik oder wollte ihr Körper sie warnen?

Linda hielt es nicht mehr aus. Sie rannte auf ihren Block zu. Bald wäre sie in ihrem Zuhause. Die sichere Zuflucht war zum Greifen nahe. Als sie angekommen war, versuchte sie mit zitternden Händen, die Treppenhaustür aufzuschliessen. Waren da Schritte hinter ihr? Würde er sie jetzt schnappen? Erst nach dem fünften Versuch traf sie mit dem Schlüssel ins Schlüsselloch. Sie schloss auf, drückte die Tür auf und sprang hinein. Die Tür hatte einen automatischen Schliessmechanismus, der Linda viel zu langsam war, daher drückte sie die Tür mit aller Kraft zu. Als die Tür endlich zu war, drang ein erleichtertes Schluchzen aus ihr heraus. Unter Tränen schaute sie durch die Glastür nach draussen. Es war noch immer nichts Ungewöhnliches zu sehen. Doch sie fühlte sich beobachtet. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und kalter Schweiss rann ihr den Rücken hinunter.

Ihre Wohnung lag im 2 Stock. Sie nahm zwei Treppenstufen pro Schritt und lauschte dabei, ob sie etwas aus den Nachbarwohnungen hören würde. Aber sie hörte nur ihr eigenes leises Wimmern.

Sie schloss ihre Haustür auf. Alles war wie gewohnt. Ihre Schuhe lagen unverändert im Gang verstreut. An den Einbauschränken hingen ihre Taschen und es lief die leise Musik aus der Musikanlage, die immer lief, damit sie sich nicht so alleine fühlte. Linda setzte sich aufs Sofa und trocknete ihr tränennasses Gesicht. Sie wollte gerade den Fernseher einschalten und schauen, ob in den Nachrichten etwas gesagt wurde, vielleicht gab es eine Sturmwarnung oder so, als sie spürte, wie ihr Handy vibrierte. Hatte sie ihr Handy nicht ausgestellt? Sie schaute auf das Display und las die Nachricht: „Schön bist zu du zu Hause, wir haben auf dich gewartet.“

Linda hörte, wie ihre Schlafzimmertüre leise knarrte. Linda hielt den Atem an. Hatte sie sich das eingebildet? Bestimmt. Es war ein altes Haus, da knarrte öfters etwas. Gerade als Linda ausatmen wollte, hörte sie leise schlurfende Schritte auf dem Flur Richtung Wohnzimmer…


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