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  • AutorenbildSamarraLeFay

Der lachende Mond

Aktualisiert: 24. Juli 2022

Riak streckte sich. Ihre Wirbelsäule knackte bei jedem einzelnen Wirbel. Ein wahnsinnig gutes Gefühl. Die neue Wirbelsäule war nicht ganz günstig gewesen, aber sie hatte sich wirklich gelohnt. Sie drückte den Kopf auf die Seite und knackte mit den letzten beiden Wirbeln. Ihre Nackenmuskulatur entspannte sich. Riak brummte wohlig vor sich hin. Schon viel besser.

Der letzte Auftrag hatte es in sich gehabt. Kurierdienste waren selten schwierig, außer es handelte sich um Waren von „spezifischen Interessen“. Dieser Auftrag jedoch war so lange und weit entfernt gewesen, dass sie zwei Saisons ihres Vereins verpaßt hatte. Waren sie überhaupt noch in der selben Liga? Aber die Bezahlung war einfach zu verlockend gewesen. Zehn Megakredits und fünf zusätzliche Lebensjahre. Fünf! Sie wußte glücklicherweise nicht was sie transportiert hatte, aber für fünf Lebensjahre musste es etwas sehr wertvolles gewesen sein.

Heute hatte sie sich entschieden zur Feier des Tages auszugehen. Sie hatte ihren Raumfahrtanzug abgelegt und sich in ihre Freizeitklamotten geworfen. Sie trug eine weite luftige weise Hose die genau an den richtigen Stellen eng war: an den Knöcheln. Dazu ein silbernes Top. Die Kleidung bildete einen schmeichelnden Kontrast zu ihrer nachtblauen Haut. Abgerundet wurde ihr Aussehen durch ihre langen grauen Haare und hellgrauen Augen.

Die Tür zum lachendem Mond schwang geräuschlos auf. Dichter Rauch schlug ihr entgegen. Kaum hörbar neben dem Stimmengewirr erklang altertümliche Musik. Techno, wie Riak mit einem Nasenrümpfen feststellte. Sie hatte auf etwas progressives gehofft. Aber sie würde sich ihre gute Laune nicht verderben lassen. Sie war nicht wegen der Musik hier, sondern weil es im lachenden Mond die weltenbesten Drinks gab. Und besonders heute war Riak in der Stimmung sich etwas Gutes zu gönnen.



Sie steuerte den Tresen an. Sie konnte sich gerade noch auf den letzten Barhocker quetschen bevor dieser ihr weggeschnappt wurde. Glück gehabt. Hier würde sie so schnell nicht mehr weggehen.

Erst da bemerkte sie, dass es sie zwischen einem Sizk und einem Nemtos verschlagen hatte. Auch das noch! War nicht doch noch ein anderer Platz frei?

Aber die Leute standen bereits in zweiter oder dritter Reihe, um sich einen Platz zu erdrängeln. Sie würde sich hüten, ihren Platz aufzugeben, bevor sie etwas zu trinken hatte. Vielleicht würde sie sich sogar einen zweiten Drink auf Vorrat bestellen. Dann konnte sie immer noch schauen, ob sie sich nicht lieber auf der Tanzfläche austoben wollte.

Von der Seite musterte sie den Sizk. Sizk waren stille, oftmals gleichgültig erscheinende Wesen, so schien es auch dieser hier zu sein. Damit konnte Riak gut um gehen. Sie mochte es in Ruhe gelassen zu werden. Kein unnötiges Geschwätz. Trotzdem hätte sich Riak lieber weiter weg vom Sizk gesetzt. Sizk hatten eine schuppige harte Haut mit vielen kleinen unnötigen Auswüchsen. Sie waren wirklich unnötig! Sie hatten keine Funktion außer den Sizk und ihrer Umgebung das Leben zu schwer zu machen. Dabei ließen diese die Sizk wie Bäume oder Korallen aussehen. Diese Auswüchse waren so hart, dass sie öfters mal abbrachen, was den Sizk unglaubliche Schmerzen zufügte. Riak hatte schon oft erlebt, dass Sizk deswegen so laut geschrien hatten, dass ihnen selbst die Ohren zu bluten begannen. Sizk waren wirklich eine Fehlkonstruktion der Labore.

Nemtos! Nemtos waren etwas anderes. Sie wollte nicht einmal im gleichen Raum sein wie ein Nemots. Dabei war es keine böse Absicht von Riak. Nemtos waren ganz in Ordnung. Sie sahen einfach nur unglaublich abstoßend aus. Eigentlich hatte Riak nichts gegen hässliche Wesen. Einige ihrer engsten Freunde waren wirklich hässlich. Aber Nemtos waren nochmal eine andere Kategorie von Hässlichkeit. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem zu groß gewachsenem Wurm und einem T-Rex. Kurze Beine, ein langer Körper, kurze Arme und keine Nase sondern nur Löcher. Ein Mund ohne Zähne oder Zunge. Die Haut glänzte stets rot, ganz so als ob sie über und über mit Schleim bedeckt wäre. Riak schüttelte es vor Ekel. Selten schaute sie Nemtos direkt an, geschweige denn, dass sie sich in ihre Nähe setzte. Vielleicht sollte sie doch die Bar wechseln? Aber die nächsten guten Drinks waren eine ganze Strecke entfernt.

Nein! Sie würde sich ein Getränk bestellen und dann auf der Tanzfläche ihre neue Wirbelsäule herumwirbeln und schauen wie sich mit dieser die Hüfte schwingen ließ. Sie würde sich von diesem Wicht nicht die Stimmung verderben lassen. Soll er doch gehen!

Ungeduldig wartete Riak bis das in der Bar verankerte Tablet startete, damit sie ihre Bestellung aufgeben konnte. Warum dauerte das so lange? Nervös trommelte Riak mit den Fingern auf dem Tesen.

Sie richtete den Blick starr auf den Tresen und ignorierte jegliche Geräusche, die von der Seite kamen. Im Augenwinkel sah sie, dass vor dem Nemtos ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit stand. Trank der Nemtos etwa Wasser? Warum kam man in diese Bar, bloss rum zu sitzen und Wasser zu trinken? Riak rümpfte herablassend die Nase. Unvermittelt atmete sie einen herber Geruch ein. Er erinnerte sie an Putzmittel und Limonade. Vielleicht trank der Nemtos doch etwas anderes als Wasser? Vielleicht einen Gin-Tonic? Trotzdem…

Im Augenwinkel sah Riak, wie sich der Nemtos über den Tresen beugte. Als er sich zurücklehnte, sah Riak, dass er wohl mit seinen kurzen Armen etwas auf seine Serviette geschrieben hatte.

Wollte er sie anmachen? Erk! Warum immer sie?

Demonstrativ wandte sie ihm den Rücken zu und beobachtete das Treiben auf der Tanzfläche. Dabei war Treiben leider zu viel gesagt. Ein Ulbrianer wippte im Takt der Musik und schimmerte in allen Regenbogenfarben. Faszinierend wie er zielgerichtet jeden Takt verfehlte.

Der Nemtos beugte sich zu ihr rüber und berührte sie dabei an der Schulter. Seine Haut fühlte sich unangenehm warm und feucht an. Nur mit größten Willensanstrengung schaffen es Riak, nicht aufzuspringen. War das Schweiß oder Schleim? Nein! Sie wollte es gar nicht wissen. Sie warf dem Nemtos ihren giftigsten Blick zu. Sollte er es ja wagen, sich nochmals zu ihr rüber zu beugen. So ein widerlicher Lustling. Das sah diesen Nemtos ähnlich. Wussten einfach nie wo ihre Grenzen waren. Wenn er sich noch einmal rüber beugte, würde sie dem Sizk etwas abbrechen und dem Nemtos in die Hände drücken.

Der Nemtos verzog sein Gesicht. War das ein Lachen? Lachte er sie gar noch aus?

Riak warf einen verzweifelten Blick auf das Tablet. Konnte sie endlich bestellen?

Erst da sah sie die Nachricht des Nemtos:

„Dein Tablet ist defekt, wenn du etwas zu trinken willst kannst du mein Tablet verwenden.“

Das war… nett! Wie konnte er es wagen nett zu ihr zu sein? Wusste er nicht was sie über solche wie ihn dachte?

Nein, natürlich wusste er es nicht. Wie sollte er auch?

Oder er wusste es und es war ihm egal.

Oder er wollte sie dennoch anmachen?

Vielleicht war das alles ein perfider Plan.

Es war wirklich nett!

Sie war wirklich gemein.

Sie musste reagieren.

Warum immer sie!?

Wie sollte sie ihm in die Augen sehen?

Er war wirklich hässlich.

Hatte er gemerkt was in ihr vorging?

Musste sie sich entschuldigen?

Sie hasste es sich zu entschuldigen.

Er wartete!

Riak schluckte ihr inneres Dilemma runter und setzte eines ihrer charmanteren Lächeln auf. Sie hoffte es wirkte entschuldigend. Aber sie war nicht gut im Entschuldigen. Vielleicht war ihr Lächeln wenigstens nicht verstörend. „Danke, das ist sehr nett.“

Der Nemtos beugte sich vor, griff mit seinen kurzen Armen nach dem Tablet und schob es zu Riak rüber, darauf bedacht sie nicht noch einmal zu berühren.

Schuldgefühle flammten in Riak auf. Er hatte es gemerkt. „Darf ich dich als Dankeschön auf ein Getränk einladen?“

Die Augen des Nemtos leuchteten auf und er nickte eifrig. Warum er wohl nicht sprach? Riak wusste den Grund dazu nicht mehr, aber wahrscheinlich war es besser so. Eigentlich war eine schweigende Gesellschaft die beste, zumindest beim zuhören. „Letzten habe ich gesehen, wie sich ein Blobb selber gewässert hatte. Soll ich dir die Geschichte erzählen?“


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