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  • AutorenbildSamarraLeFay

Blobbageddon

Aktualisiert: 4. Feb. 2022

Wie so oft in ihrem Leben verfluchte sie sich selbst. Warum machte sie immer wieder den gleichen Fehler? Jobs annehmen, bei denen das Bauchgefühl von Anfang an sagte, dass sie keine gute Idee waren. Warum lernte sie nicht auf ihr Bauchgefühl zu hören? Warum hatte sie sich überhaupt auf diesen Job eingelassen? Ein Partyflug von Blobbs zum Planeten Erde. Das konnte nur eine miese Idee sein. Und Erde? Was soll das überhaupt für ein Name sein? Stein und Matsch waren wahrscheinlich schon vergeben gewesen.

Sie musste lebensmüde sein, dreißig Blobbs in ihren Frachtraum zu lassen. Sollte sich nur ein wenig Wasser sammeln und dann einer der Blobbs damit in Berührung kommen, würde dieser sich so weit ausdehnen, dass es ihr den Frachtraum wegsprengen würde. Aber die Bezahlung war zu gut gewesen. Sie konnte, wie schon so oft, einfach nicht widerstehen.

Trotzdem, sie verstand die Blobbs einfach nicht. Das tat sie noch nie. Kopfschüttelnd erinnerte sie sich an ihre letzte Begegnung mit einem Blobb. Es war in einem schäbigen Motel und der Blobb beschuldigte sie, dass sie ihn hätte töten wollen. Vollkommen zu Unrecht, natürlich. Es war alles nur eine Verknüpfung von unglücklichen Zufällen. Was konnte sie dafür, dass eine Vase mit Wasser im Zimmer stand. Dennoch, im Nachhinein bereute sie, es nicht getan zu haben. Der Gedanke an diese haltlose Anschuldigung machte sie immer noch wütend.

Noch immer beschäftige Riak, warum die Blobbs überhaupt zur Erde wollten? Ein Planet der zu zwei Drittel aus Wasser besteht. Manchmal fällt sogar Wasser vom Himmel. Wasser! Für Blobbs tödlich. Wenn Blobbs mit Wasser in Berührung kommen, dann blähten sie sich auf das ein vielfaches ihres eigentlichen Volumens auf bis sie explodieren.

Vielleicht hatten die Blobbs einen Abenteuertrip mit Suizidgedanken geplant? Soll es ja geben. Leben am Limit. Und wenn man bloß unförmige Götterspeise mit Augen war, Riak war sich sicher, dass Blobbs nur unwesentlich intelligenter als Pflanzen waren, war so ein Abenteuer vielleicht das, was sich für sie nach Leben anfühlte. Vielleicht waren sie auch schlicht zu dumm die Gefahr zu erkennen. Riak wusste es nicht. Es war ihr auch herzlich egal. Der Auftrag war simpel. Dreißig Blobbs zur Erde (36° 27’ 42’’ N, 116° 51’ 57’’ W) transportieren und nach einer Woche wieder abholen. Angeblich waren die Wetterprognosen blobbkomform. Aber was war schon blobbkomformes Wetter?

Plötzlich hörte Riak ein warnendes Piepsen und ein Licht am Armaturenbrett blinkte in unheilvollem Rot. Fluchend schaute sie auf die Warnung:

„Vorsicht, Rauch im Frachtraum!“

Rauchten Blobbs? Aber wie? Riak schaltete auf die Videokamera um. Ein riesiger grüner Haufen Götterspeise erstreckte sich über den ganzen Frachtraum. Können Blobbs ineinander verschmelzen?

Unregelmäßige wellenförmige Bewegungen bewiesen, dass wirklich Leben darin sein musste. Riak kniff die Augen zusammen und konnte rudimentäre Gesichtszüge in der Götterspeise erkennen. Hin und wieder blinzelte ein Auge, manchmal auch zwei. Nur Rauch konnte sie beim besten Willen nicht erkennen.



Riak stellte die Lüftung höher. Sie drückte auf die Gegensprechanlage und informierte die Blobbs mit ihrer besten Raumfahrtbegleiterinnenstimme: „Wegen einer Rauchmeldung musste die Lüftung höher geschaltet werden. Bitte verhalten Sie sich ruhig bis die Lüftung wieder runtergedreht werden kann.“

Nervös beobachtete sie abwechselnd die Rauch- und die Luftfeuchtigkeitsanzeige. Da Riak hin und wieder Pflanzen transportierte, natürlich nur legale Pflanzen, hatte sie eine Kombinationslüftung, die gleichzeitig verhinderte, dass die Luft zu trocken wird. Was Riak ursprünglich für eine geniale Idee hielt, stellte sich nun als Fluch heraus. Sie konnte ja nicht ahnen, dass sie eines Tages Blobbs transportieren würde. Und dass diese Blobbs Rauch produzieren würden. Die Anzeige für Luftfeuchtigkeit stieg immer höher. Vierzig Prozent. Riak wischte sich mit ihrem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Zweiundvierzig Prozent. Wenn das so weiter ging musste sie den Frachtraum abkoppeln. Bei sechsundvierzig Prozent ging endlich die Rauchwarnlampe aus. Ohne zu zögern, schaltete sie die Lüftung aus.

Das war wirklich knapp gewesen. Riak brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Sie setzte wieder ihre Raumfahrtbegleiterinnenstimme auf und sprach durch die Gegensprechanlage: „Das Problem wurde behoben. Bitte verzichten Sie zukünftig auf rauchbildende Aktivitäten.“

Riak war ein wenig von sich selber beeindruckt. Sie hätte auch als Raumfahrtbegleiterin arbeiten können mit dieser Stimme. Warm, wohlwollend und freundlich. Dabei mochte sie Blobbs nicht besonders. Blobbs waren halt einfach eine tickende Zeitbombe. Blobbs plus Wasser oder eine andere Flüssigkeit wie Alkohol oder Blut gleich Katastrophe. Wenn es nach ihr gehen würde, würden Blobbs einfach auf ihrem Planeten unter sich bleiben.

Ein Blobb betätigte mit seinem formlosen Körper die Gegensprechanlage im Frachtraum, in dem er seinen ganzen Körper dagegendrückte. Riak verdrehte die Augen. Sie verstand Blobbs sowieso nicht. Jedes Blubb klang gleich in ihren Ohren. Nicht nur in ihren Ohren. Die meisten Übersetzungsgeräte waren ebenfalls damit überfordert. Es gab wenige Geräte, die das Geblubbere übersetzen konnten, aber die Anschaffung war viel zu teuer und lohnte sich für einen Auftrag nicht. Im Gegenzug schienen Blobbs praktisch jede Sprache zu verstehen. Riak hatte die Partytruppe bei der Auftragserteilung darüber informiert, dass sie ihrer Sprache nicht mächtig war und sie kein Übersetzungsgerät besass. Für die Blobbs schien dies in Ordnung zu sein. Warum zur Hölle wollte jetzt dieser Blobb mit ihr sprechen?

Der Blobb öffnete seinen Mund und ein langgezogenes „Buuurb“ dröhnte durch die Lautsprecher.

Verwirrt runzelte Riak die Stirn. Hatte der Blobb gerade gerülpst? Konnten Blobbs überhaupt rülpsen. War Rülpsen nicht mit Flüssigkeitsaufnahme und Muskelkontraktionen verbunden? Das eine machten Blobbs nicht, das andere hatten sie nicht. Und überhaupt, wie unhöflich war es denn in ein Mikrophon zu rülpsen? Wenigstens ein wenig Anstand konnten sie an den Tag legen.

Der Blobb rülpste nochmals ins Mikrophon, dabei entwich eine dicke grüne Rauchwolke aus dem Mund des Blobbs.

Die Rauchwarnlampe ging wieder an.

Und nun erkannte Riak das Problem. Ein Blobb nach dem anderen rülpste trockenen Rauch in den Frachtraum.

Riak drehte die Lüftung wieder hoch. Wenn der Rauch die kritische Grenze überschritt, würde die Sprinkleranlage angehen und dann… Sie drehte die Lüftung und Kühlung auf volle Leistung. Doch der Rauch wollte nicht weniger werden.

Wütend drückte Riak wieder auf die Gegensprechanlage und befahl: „Hört auf zu Rülpsen!“

Diese Blobbs! Sie hätte den Auftrag niemals annehmen sollen. Sie wusste, mit Blobbs hatte man nur Ärger. Riak öffnete das Sicherheitsprogramm, um die Sprinkleranlage abzuschalten. Sie würde sowieso bald landen, dann könnte sie diese wieder einschalten.

Auf dem Monitor erschien: „Passwort“

Riak gab ihr Standardpasswort ein: „123456“

„Falsches Passwort“

Riak gab nochmals ihr Standardpasswort ein, vielleicht hatte sie sich ja vertippt. Wieder falsch. Sie wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Vielleicht war es ja: „asdfgh“? Nein, auch falsch!

Das Dröhnen des Rauchalarms wurde immer lauter. Riak hielt sich die Ohren zu, um nachdenken zu können. Sie hatte ein einfache Passwort gewählt. Das tat sie immer. Etwas, das sie nicht vergessen würde.

Riak gab „Sicherheit“ ein.

Erleichtert stöhnte Riak auf, als sich das Programm öffnete. Sie wählte die Sprinkleranlage an, um diese abzuschalten.

„Wie nicht möglich? Was bist du den für ein nutzerunfreundliches Schiff?!“ fluchte Riak lautstark und schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett.

Riak schaute auf den Videomonitor. Dichte Rauchwolken schwebten im Frachtraum und verdeckten die Blobbs. Wie konnten Blobbs in so kurzer Zeit nur so viel Rauch produzieren? Aber es war nicht mehr weit. Sie waren bereits in der Milchstrasse angekommen. Von hier war es nur noch ein Katzensprung zur Erde. Wenn diese verdammten Blobbs endlich aufhören würden zu Rülpsen. Nur bis sie dort waren. Fünf Minuten. Das sollten auch Blobbs schaffen.

Auf dem Programmmonitor leuchteten die Worte auf: „Sprinkleranlage wird gestartet“

Wenn die Sprinkleranlage gestartet würde, würden die Blobbs mit Wasser besprüht werden. Die Blobbs würden sich ausdehnen und das ganze Raumschiff zerstören.

Das Raumschiff drang in die Erdatmosphäre und wurde durchgeschüttelt. Riak konnte sich nicht bewegen. Mit geweiteten Augen musste sie hilflos zusehen wie die Sprinkleranlage anging und die Blobbs mit Wasser besprühten?

Was sollte sie bloß tun? Riak schaute verzweifelt auf das Armaturenbrett und drückte wahllos einige Knöpfe. Sie liebte dieses Schiff fast so sehr wie ihr Leben. Sie waren kurz vor dem Ziel. Riak sah, wie die Blobbs bereits zwei Drittel des Frachtraums ausfüllten, und sie wurden immer noch mit Wasser besprüht. Sie würden es definitiv nicht mehr zum Ziel schaffen. In ihrer Hilflosigkeit wusste sie sich nicht besser zu helfen als den Frachtraum abzuwerfen.

Riak brauchte einige Minuten, um sich zu sammeln.

Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen? Der Frachtraum war mit einem Notfallfallschirm ausgestattet. Mit ein wenig Glück würden die Blobbs bevor sie explodierte auf der Erdoberfläche landen. Wenn sie erstmal gelandet waren konnten die Blobbs sich in der Sonne trocknen lassen. Sie scannte die Erdoberfläche, konnte aber die Blobbs nicht finden. Wahrscheinlich waren die Blobbs sicher gelandet und bereits am Sonnentrocknen. In einer Woche würde sie zurückkehren und die Blobbs wieder einsammeln. Natürlich mit einem neuen Frachtraum ohne Sprinkleranlage. Sie hoffte, sie konnte die Umkosten extra berechnen.


Riak war müde von diesem Tag. Die Entscheidung nagte immer noch an ihr. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich, das Richtige gemacht zu haben. Schließlich brachte es niemandem etwas, wenn sie sich und ihr Raumschiff opferte. Um etwas gegen die Stille und ihre sich im Kreis drehenden Gedanken zu tun, schaltete sie die Nachrichten ein:

„Was genau dazu führte, das Blobbs im Erdenozean baden gingen ist bis jetzt nicht geklärt. Es muss von einem terroristischen Akt von der Blobbregierung gegen den blauen Planeten ausgegangen werden. Der Angriff hat grosse Teile der Erde unbewohnbar gemacht. Intergal hat Hilfsarbeiter und Ermittler zur Erde gesendet. Für Hinweise…“

Riak schaltete die Nachrichten wieder aus.


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