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  • AutorenbildSamarraLeFay

Wurz

Aktualisiert: 24. Juli 2022

Kaum atmend drückte sich Wurz tiefer in sein Versteck. Er hörte die Schritte schlurfend näher kommen. Klang nach einer einzelnen Person. Wenn er Glück hatte, war der Seemann betrunken und würde ihn nicht weiter wahrnehmen.

Das Schlurfen kam näher und zu dem Geräusch gesellte sich der widerliche Geruch nach nassem Schnoderhund. Es gab keine Schnoderhunde. Aber wenn es welche geben würde, würden sie nass genau so stinken. Eine Mischung aus Schweiß, Alkohol, Exkrementen und Salz. Wurz holte tief Luft, ein letztes Mal. Jetzt musste er versuchen, so flach wie möglich zu atmen, und dabei ja keine unnötigen Geräusche zu machen. Man würde glauben, nach einer Woche auf See hätte man sich ahn den Gestank gewöhnt. Aber Leute, die das behaupteten, hatten noch nie einen nassen Schnoderhund von nahem gerochen. Das einzig Gute an diesem Mief war, dass kein Seemann sich ihm unbemerkt nähern konnte.

Im dämmerigen Licht der Laterne sah er, wie die Gestalt torkelte. Nicht das übliche Schaukeln des Wellengangs, sondern dieses Torkeln kurz bevor man sich über die Reling beugte. Er soll sich einfach nicht hier erleichtern. Wurz wusste nicht ob er die würgenden Geräusche aushalten könnte ohne sich selbst zu übergeben.

Geduldig wartete Wurz ab, bis der Mann an seinem Versteck vorbei war. Erleichtert schnappte er nach Luft. In dem Moment blieb der Stinkende stehen und drückte den Rücken durch.

Wurzs Atemzug blieb ihm in der Lunge stecken. Hatte er ihn gehört? War er doch nicht so betrunken gewesen? Er hätte sich Ohrfeigen können, wenn nicht jede Bewegung ihn weiter verraten würde. Totenstill wartete er ab, bereit los zu sprinten. Die Frage war nur, wohin? Wurde er entdeckt, würde es kein sicheres Versteck mehr für ihn geben.

Der Seemann kratzte sich mit der freien Hand an seinem Allerwertesten, rülpste einmal so laut, dass die Planken vibrierten, und setzte seinen Weg fort. Wurz verharrte, bis das Schlurfen verhallt war, eher sich hervorwagte.

Das war gerade nochmal gut gegangen. Hoffentlich blieben ihm weitere unliebsame Begegnungen erspart. Eilig wieselte er die Gänge entlang. Zum Glück begegnete er niemandem mehr. Kaum auszudenken, was die Besatzung mit ihm anstellen würde, würde sie einen blinden Passagier entdecken. Wenn sie gnädig wären, würde sie ihn über Bord werfen. Aber den Gesprächen nach, die er belauscht hatte, konnte er nicht darauf hoffen. Viel wahrscheinlicher war, dass sie ihn zerstückeln und die einzelne Körperteile als Fischköder benutzen würden. Immer noch besser, als ein lebendiger Fischköder zu sein.

Durch einem Spalt zwischen den Brettern der Wand, schlüpfte er in den Raum. Genüsslich sog er die Luft ein. Die Speisekammer war der einzige Ort, der immer frisch roch. Vorsichtig tastete er die Fässer ab, um herauszufinden, welche davon bereits geöffnet worden waren. Fand er ein offenes, nahm er sich kleine Happen. Nur eine Handvoll, damit es niemandem auffallen würde. Zuletzt füllte er seinen Wasserschlauch mit Apfelsaft. Er trank einen großen Schluck, bevor er den Schlauch erneut füllte.

Mit einem leisen Bedauern machte er sich auf den Rückweg. Es war immer riskant, in die Speisekammer zu schleichen. Die Tür war stets bewacht und der Koch kontrollierte mehrmals täglich die Rationen. Natürlich immer indem er eine Kostprobe zu sich nahm, wie sein Bauchumfang bewies. Die beste Zeit sich hier hineinzuschleichen war vor Morgengrauen oder bei Sturm und hohem Wellengang. Da waren die Seemänner mit anderem beschäftigt. Da die See seit einigen Tagen zu schlafen schien, konnte Wurz seinen Hunger und Durst jeweils erst morgens stillen, wenn praktisch alle am Schlafen oder betrunken waren.

Der Rückweg zu seinem Versteck, eine Nische außen am Schiff, unterhalb eines Bullauges, verlief ohne weiteren Zusammenstoß. Nur hier fühlte er sich sicher. Kein Seemann würde ihn dort finden. Wer suchte schon einen heimlichen Mitfahrer außen am Schiff? Es war perfekt. Naja, ausgenommen bei hohem Wellengang, wie er sich eingestehen musste. Beinahe hätte ihn eine Welle ertränkt, als sie sich am Schiff brach. Nur mit Mühe konnte er sich ins Innere des Schiffs retten. Zu seinem Glück waren alle mit dem Sturm an sich beschäftigt gewesen, da kümmerte sich niemand um einen Kobold, der den Menschen nur bis zur Hüfte reichte. Normalerweise wurde er übersehen, so auch bei diesem Zwischenfall.

An diesem Morgen jedoch breitete sich die See ohne den geringsten Wellengang unter ihm aus. Von seinem Unterschlupf aus konnte er den Sonnenaufgang bewundern.


„Meinste, den Käptn hat sich den Plan gut überlegt, hä?“

Wurz schreckte aus dem Schlaf hoch und wäre um ein Haar aus seinem Versteck ins offene Meer gefallen. Im letzten Moment konnte er sich an der Kante festhalten und wieder hochziehen. Die Stimme war so nahe gewesen, dass er schon befürchtete, man hätte ihn entdeckt.

„Aye, er ist der Käpten. Er wäre nicht der, der er ist, würde er unüberlegte Pläne zustimmen.“

Wurz horchte auf. Plan? Was für ein Plan?

„Aber... eine Prinssessess... ssess...“

„Prinzessin“, warf der Zweite ein.

„... eine Prinssessin zu entführen klingt sogar für mich sehr dumm, hä?“

„Aye. Das wird bestimmt nicht der ganze Plan sein.“

„Meinss du nicht, hä?“

„Aye.“

Wurz hörte wie die beiden Männer je eine Flasche entkorkten und sich zuprosteten. Schweigend schlürften sie ihr Getränk. Zu Wurzs Leidwesen. Erstens hätte er gerne mehr über den Plan und die Prinzessin erfahren, und zweitens gab es kaum etwas Schlimmeres als Ess- und Trinkgeräusche. Hätte er Haare gehabt, würden sie ihm zu Berge stehen.


Es war Abend geworden. Zu seinem Verdruss ließ ihm die Neugier keine Ruhe. Also ließ er sich auf das waghalsige Abenteuer ein, außen an der Schiffswand hochzuklettern, um beim Kapitän selbst zu lauschen. Zum Glück bot das Holz ihm genügend Halt. Nur selten musste er seinen Dolch zur Hilfe nehmen.

„Die Männer sind besorgt, Käpten!“

Wurz hatte Glück. Es war der genau richtige Moment zum Lauschen.

„Wer?“ Jemand schlug mit der flachen Hand gegen Holz. Vielleicht auf einen Tisch? Dicht gefolgt von einem nur mühsam beherrschtem Knurren: „Nun sag schon Tingel, wer?“

Wurz musste seine ganze Willenskraft aufbringen um nicht durch das Bullauge zu spähen.

„Um ehrlich zu sein alle!“ Wurz nahm ein Stocken in Tingels Stimme wahr. Höchstwahrscheinlich fürchtete er sich von seinem Kapitän.

„Du auk?“, raunte dieser leise.

Wurz hörte Tingels Antwort nicht. Er presste sein Ohr gegen die Schiffswand. Das schlagartige donnernde Auflachen des Kapitän, hätte Wurz beinahe von Bord geworfen. Er kippte nach hinten und hing rudernd in der Luft. Im letzten Moment konnte er sich an einer Rille festkrallen.

„Es ist ganz einfach Tingel. Wir legen in zwei Tagen am Hafen von Omoor an. Am ersten Tag werden wir unsere üblichen Geschäften machen. Kurz vor unserer Abreise …“

„Wussshhhh!“ Das Brechen der Welle verhinderte, das Wurz den ganzen Satz verstand.

„… wir die Prinzessin entführt haben, sind wir schon über alle Wellen.“

„Aye! Käpten! Aye!“ Das Lachen lief Wurz eiskalt den Rücken runter.

Wurz hatte genug gehört. Er kletterte zurück zu seinem Versteck. Omoor! Als er sich auf dieses Schiff geschlichen hatte, hatte er nicht gewusst, wohin es fuhr. Für ihn war nur wichtig, dass es von Finsterland wegfuhr. Omoor. Er hatte viele Legenden über diese Stadt vernommen. Die Stadt soll so reich sein, dass jeden Morgen Leute die Straßen fegten und nierigends Schmutz lag. Keine Ecke soll stinken. Der Unrat wurde in eigens dafür angelegte Kanäle entsorgt. Und die Straßen wurden von Obstbäumen gesäumt, so das jeder genug zu Essen fand. Omoor! Er hätte es nicht besser treffen können. Das Land um Omoor war fruchtbar und er würde dort bestimmt schnell Arbeit finden.

Und die Prinzessin? Prinzessin Tiaba. Sie soll so schön sein, dass die See jeden Morgen vor Erstaunen keinen Mucks von sich gab. Und sie wollten sie entführen? Um was mit ihr zu machen? Verkaufen? Oder Schlimmeres?

Wurz kaute auf seiner Unterlippe, aber wider besseren Wissens stand sein Entschluss fest, er würde zumindest versuchen, Tiaba zu warnen. Schließlich hatte er einen Tag Zeit.


Tiaba schaute versonnen auf ihre Stadt. Eine kleine Meeresbrise wirbelte eine ihrer schwarzen Locken um ihren Hals. Sie gönnte sich ihren morgendlichen Spaziergang im Schlossgarten.

„So hören Sie doch, ich muss mit Prinzessin Tiaba sprechen. Ich muss sie warnen!“

Tiaba schreckte hoch, als sie ihren Namen hörte. Der Garten war unweit vom Toreingang, aber frühmorgens wagte es kaum jemand, eine Audienz zu erbieten. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie die kleine Gestalt, knapp größer als ein Kleinkind, zu erkennen. Er sah aus wie ein Krokodil auf zwei Beinen. Ein Kobold! Sie hatte noch nie einen Kobold gesehen. Wie aufregend.

„Sie soll heute entführt werden.“

Das hat er nicht gesagt! Entführt!

Tiaba eilte zum Eingang. Als die Wachen sie sahen, drückten sie die Rücken durch. „Was ist hier los?“, verlangte sie zu wissen.

„Eure Majestät! Dieser Kobold“, die Wache nickte mit dem Kopf in dessen Richtung, „wollte euch vor etwaigen Gefahren warnen. Ich habe ihm bereits erläutert, dass hier euch keine Gefahr droht und er sich keine Sorgen zu machen braucht.“

Tiaba nickte. Ein Stein fiel von ihrem Herzen. „Lass den Kobold passieren, ich würde mir im Garten gerne seine Geschichte anhören.“

„Prinzessin, wir kennen....“

„Ihr könnt ihn ja nach Waffen durchsuchen. Wie ihr schon sagtet, bin ich hier vollkommen sicher. Oder?“

„Ja, Prinzessin. Gewiss doch.“ Die Wache nickte eilig und schaute anschliessend den Kobold auffordernd an.

Der Kobold überreichte seinen Dolch der Wache. Dieser glich mehr einem Zahnstocher als einer gefährlichen Waffe.

Die Prinzessin führte den Kobold aus der Hörweite der Wache. Der Kobold setzte eilig an: „Danke, es ist nämlich so...“

Tiaba brachte den Kobold mit einer Hand zum Schweigen.

Mit drohender Stimme raunte sie: „Ich weiss nicht, wie du von meinem Fluchtplan gehört hast, aber wenn du noch ein Wort dazu sagst, werde ich dich augenblicklich wegen eines Angriffs auf die Prinzessin hinrichten lassen.“



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